Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/491/
Freiheit und Determination des Willens. 
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schützen und verpflichtet den Verbrecher wo möglich zu bessern. Die 
Statistik unterstützt selbst durch ihre Resultate das praktische Streben 
der Gesellschaft nach ihrer eigenen Vervollkommnung. Denn sie zeigt, 
dass der öffentliche Rechtszustand auf die Zahl der unsittlichen Hand¬ 
lungen von Einfluss ist1). 
Für die psychologische Unterscheidung der willkürlichen von den 
unwillkürlichen Handlungen liegt nach allem diesem der entscheidende 
Punkt nicht darin, dass die letzteren aus einem ursächlichen Zusammen¬ 
hänge folgen, dessen die ersteren entbehrten. Vielmehr erscheint nur die 
Art der Causalität hier und dort als eine verschiedene. Diese Verschie¬ 
denheit führt aber wieder auf die zwei nahe mit einander zusammen¬ 
hängenden Redingungen zurück, dass erstens die directen Ursachen des 
Willens innere sind, die sich nur in der unmittelbaren Selbstauffassung, 
niemals oder doch höchstens indirect und theilweise in der äußern Beob¬ 
achtung zu erkennen geben, und dass zweitens diese innern Ursachen 
einen integrirenden Bestandtheil der allgemeinen geistigen Causalität 
bilden, für welche das Princip der quantitativen Aequivalenz von Ursache 
und Wirkung, welches die Naturcausalität beherrscht, keinen Sinn besitzt. 
Die Willenserregung fällt zusammen mit der Thätigkeit der Apper¬ 
ception; die Apperception wird aber durch psychologische Ursachen be¬ 
stimmt, deren wir freilich immer nur einen kleinen Theil zu überschauen 
vermögen. Theils äußere Eindrücke, theils reproducirte Vorstellungen, die 
nach den Gesetzen der Association im Bewusstsein wachgerufen sind, 
lenken unsere Aufmerksamkeit hierhin und dorthin und verursachen so 
den Verlauf der Vorstellungen und den Wechsel der willkürlichen Be¬ 
wegungen. Indem diese letzteren nicht unmittelbar durch äußere Reize 
sondern im allgemeinen erst durch die innere Reizung, welche reprodu¬ 
cirte Vorstellungen ausüben, geweckt werden, entsteht die charakteristische 
Eigenschaft der spontanen Bewegung, dass sie häufig ohne eine directe 
äußere Ursache entsteht, aus Motiven, die bloß der Selbstauffassung des 
handelnden Wesens zugänglich sind. Darum ist für den außerhalb stehen¬ 
den Beobachter die spontane Bewegung hinwiederum das einzige Merkmal, 
aus welchem er auf das Vorhandensein sowohl von Willen wie von Be¬ 
wusstsein zurückschließen kann. 
Bedeutsamer als diese erste ist aber die zweite Eigenschaft psycho¬ 
logischer Causalität, wonach das Gesetz der Gleichheit von Ursache und 
Wirkung auf geistigem Gebiete überall inhaltslos wird. Nirgends lässt sich 
hier der Effect einer Reihe von Ursachen auf eine bloß quantitative Trans¬ 
formation dieser Ursachen selber zurückführen, sondern die Wirkung 
\) Wappaeus a. a. O. S. 443 f. 
Wundt, Grundzüge. II. 3. Aufl. 
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