Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/483/
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Entwicklung des Willens. 
primäre, d. li. unmittelbar impulsive Apperceptionen unserer eigenen Be¬ 
wegungen gibt, welche sich, nachdem sie ein- oder mehrmals eingetreten 
sind, dem Gedächtniss zur Verfügung stellen. Anderseits aber können 
die so entstandenen Verbindungen reproductiver und impulsiver Appercep¬ 
tionen durch die auch hier wirksam werdende Verkürzung und Zusammen¬ 
ziehung psychischer Acte selbst wieder in bloß impulsive Apperceptionen 
übergehen. Gehören die einfachsten, in der physischen Organisation un¬ 
mittelbar vorgebildeten Willenshandlungen der ersten Art an, so umfasst 
die zweite alle ursprünglich verwickelteren Willensbewegungen, welche 
sich vermöge jenes Verdichtungsprocesses in relativ einfachere Willensacte 
umgewandelt haben. 
Von den oben erwähnten beiden Hypothesen über die Entstehung des 
Willens betrachtet nun die erste, welche wir die heterogenetische 
Theorie nennen können, diejenigen Handlungen, welche aus der vollstän¬ 
digen Succession eines zusammengehörigen reproductiven und impulsiven 
Apperceptionsactes hervorgehen, als die typischen und ursprünglichen; 
alle bloß impulsiven Erregungen sind nach ihr durch die allmählich ein¬ 
getretene Verschmelzung jener beiden Acte entstanden. Indem sie dann 
außerdem in der rein innerlichen Handlung der Reproduction keinerlei 
Willenselemente anerkennt, sondern höchstens in begleitenden Gefühlen 
den Willen vorgebildet sieht, erklärt sie eben den letzteren heterogene¬ 
tisch, d. h. aus Elementen, die ihm selbst disparat sind. Die zweite An¬ 
sicht dagegen betrachtet die impulsive Apperception als die primäre; die 
Reproduction der Bewegungsvorstellung ist nach ihr überall erst auf Grund 
vorangegangener impulsiver Apperceptionen möglich, und zwar entsteht 
sie dann, wenn durch den inneren Widerstreit verschiedener Impulse die 
actuelle Bewegung gehemmt wird. Die auf diese Weise latent gewordenen 
Willensantriebe äußern sich aber als Gefühle und Strebungen. Demnach 
besitzt diese Ansicht den Charakter einer autogenetischen: der Wille 
ist nach ihr eine ursprüngliche Energie des Bewusstseins, die psychischen 
Elemente, aus denen ihn die vorige Hypothese erst entstehen lässt, sind 
selbst theils Begleit- theils Folgeerscheinungen desselben. 
Abgesehen von den oben erwähnten Erfahrungen ist es demnach die 
nothwendige Abhängigkeit reproducirter von primären Vorstellungen, auf 
welche die autogenetische Willenstheorie sich stützt: die impulsive Be- 
wegungsapperception hat aber in diesem Fall die Bedeutung einer pri¬ 
mären Vorstellung. Für ihre Ursprünglichkeit tritt überdies die Thatsache 
bestätigend ein, dass fortan für das naive Bewusstsein die Vorstellung 
eigener Bewegungen ohne wirkliche Ausführung derselben schwierig, wenn 
nicht unmöglich ist. und dass man sich, wo dieselbe gelingt, im allge¬ 
meinen deutlich einer hemmenden Innervation bewusst wird. Diesen Er-
        

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