Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/451/
Schlaf und Traum. 
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und Gemeingefühl bestimmt ist, von nachweisbarem Einflüsse. Derselbe 
subjective Lichtreiz, der sich bei gehobenem Gemeingefühl zu den Bildern 
flatternder Vögel und bunter Blumen gestaltet, pflegt sich, sobald eine 
unangenehme Hautempfindung hinzutritt, in hässliche Raupen oder Käfer 
zu verwandeln, die an der Haut des Schlafenden emporkriechen wollen. 
Oder dieser wird, wie ich einmal beobachtete, von Krebsen geängstigt, die 
ihm mit ihren Scheren alle Fingergelenke umfassen; erwachend findet er 
die Finger in krampfhafter Beugestellung: hier hat also offenbar die Druck¬ 
empfindung in den Gelenken die Gesichtsvorstellung nach sich geformt1). 
Diesen Fällen, in denen theils objective theils subjective Sinneserre¬ 
gungen unmittelbar zu Illusionen verarbeitet werden, schließen sich solche 
an, in denen der Sinneseindruck zunächst eine dunkle Vorstellung des 
damit zusammenhängenden Körperzustandes wachruft, worauf dann Phan¬ 
tasmen entstehen, die sich entweder direct auf diesen Körperzustand be¬ 
ziehen oder durch einfache Associationen mit demselben verbunden sind. 
So hat Scherner bemerkt, dass die Hauptursache jener vielen Träume, in 
denen das Wasser eine Rolle spielt, der Urindrang des Schlafenden ist. 
Bald sieht dieser einen Brunnen vor sich, bald sieht er von einer Brücke 
in den Fluss hinab, auf dem vielleicht gar, vermöge einer weiteren nahe 
liegenden Association, zahllose Schweinsblasen hin- und hertreiben2). 
Hier hat dann wahrscheinlich der subjective Lichtstaub des Auges diese 
specielle Form der Vorstellung angenommen; anderemale wandelt sich 
derselbe, direct durch das Bild des Flusses angeregt, in zahllose glänzende 
Fische um. So kommt es, dass die Fische, und zwar fast immer in der 
Mehrzahl, bei manchen Menschen ein sehr gewöhnlicher Bestandtheil der 
Träume sind. Nicht minder häufig knüpfen die Traum Vorstellungen an 
wirkliche Hunger- und Durstempfindungen an, oder sie sind durch die 
Beschwerden einer allzu reichlichen Abendmahlzeit verursacht. Der 
durstige Träumer sieht-sich in eine Trinkgesellschaft versetzt, der hung¬ 
rige isst selbst oder sieht Andere essen, ebenso der Uebersättigte; oder 
er sieht Esswaaren in großer Menge vor sich ausgestellt. Wenn Schwindel 
und Uebelkeit sich hinzugesellen, so glaubt er sich wohl plötzlich auf 
einen hohen Thurm versetzt, von dem er sich in schwindelnde Tiefe hinab 
erleichtert. Endlich gehören hierher auch jene häufigen Verlegenheits¬ 
träume, bei denen der Träumer in höchst mangelhafter Toilette auf der 
Straße oder in einer Gesellschaft erscheint, Träume, als deren unschuldige 
Ursache sich insgemein ein herabgefallenes Deckbett herausstellt. In sehr 
1 ) Leber die charakteristischen Eigentümlichkeiten der die narkotischen Intoxi- 
cationen (Opium, Alkohol, Haschisch u. s. w.) begleitenden Träume vgl. G. Binz, Ueber 
den Traum. Vortrag. Bonn 1878, S. 1 3 ff. 
2) Scherner a. a. 0. S. 187.
        

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