Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/441/
Hallucination und Illusion. 
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man Phantasmen des Gehörs, viel seltener des Tastsinns, des Geruchs 
und Geschmacks. Auch finden sich diese letzteren in der Regel nur in 
Begleitung von Phantasmen der höheren Sinne bei ausgebreiteteren Er¬ 
krankungen der Hirnrinde ; dagegen sind Hallucinationen des Gesichts 
und Gehörs nicht selten isolirt zu beobachten. Aeußere Ursachen, aus 
denen vorzugsweise ein bestimmtes Sinnesgebiet heimgesucht wird, lassen 
sich meistens nicht nachweisen. Doch ist bemerkenswerth, dass lange 
dauernde Einzelhaft zu Gehörshallucinationen, Aufenthalt im Finstern zu 
Visionen disponirt, offenbar weil der Mangel der betreffenden Sinnesreize 
die Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen steigert, gerade so wie dies 
beim Gesichtssinn auch in Bezug auf das peripherische Sinnesorgan nach¬ 
zuweisen ist (I, S. 360). Anderseits scheint aber die überhäufte Reizung 
der Sinne denselben Erfolg zu haben, da z. B. bei Malern vorzugsweise 
Phantasmen des Gesichts, bei Musikern solche des Gehörs beobachtet sind. 
Fortgesetzte Beschäftigung mit einem und demselben Gegenstand kann 
sogar ein specielles Erinnerungsbild zur Lebhaftigkeit des Phantasma 
steigern Aus diesem Umstande dürfte sich auch die Thatsache erklären, 
dass durchschnittlich die Gesichtsphantasmen am häufigsten Vorkommen, 
indem das Gesicht jener Reizbarkeitssteigerung durch Ueberreizung am 
meisten ausgesetzt ist. Schwächere Visionen werden, gleich den Erinne¬ 
rungsbildern, bei geschlossenem Auge deutlicher; sie können bei geöff¬ 
netem Auge und im Tageslicht ganz verschwinden. Hierher gehören 
namentlich die Erscheinungen, welche Gesunde vor dem Einschlafen oder 
Überhaupt im dunkeln Gesichtsfelde wahrnehmen. Es sind dies bald Er¬ 
innerungsbilder von ungewöhnlicher Stärke bald Figuren ohne bestimmte 
Bedeutung, welche fortwährend in Form und Farbe wechseln, wobei aber 
dieses phantastische Spiel von dem Einfluss des Willens ganz unabhängig 
ist2). Zuweilen gesellen sich, wie ich finde, hierzu schwache Gehörsreize, 
oder diese treten auch ganz allein auf: einzelne Töne oder Worte, meist 
zusammenhangslos, klingen dem Einschlafenden ins Ohr; manchmal folgen 
diese Laute einander immer schneller, oder sie werden undeutlicher, als 
kämen sie aus zunehmend größerer Ferne, was dann gewöhnlich den 
sondern in dem psychischen Mechanismus ihren Ausgangspunkt haben. Ich behalte 
den Ausdruck Vision hier um so mehr in der ursprünglichen Wortbedeutung bei, da es 
sehr zweifelhaft ist, ob eine physische und eine psychische Reizung einander in dieser 
Weise gegenübergestellt werden können. Einerseits pflegen die psychologischen Be¬ 
dingungen der Reproduction auch bei der Hallucination nicht zu fehlen, anderseits ist 
diese jedenfalls immer von einer physischen Reizung begleitet. 
1) So beobachteten Henle und H. Meyer, dass ihnen mikroskopische Objecte, die 
sie während des Tages untersucht hatten, mit voller Lebendigkeit im dunkeln Gesichts¬ 
felde auftauchten. H. Meyer, Untersuchungen über die Physiologie der Nervenfaser. 
Tübingen 1843, S. 56 ff. Aehnliche Beobachtungen bei Fechner, Psychophysik, II, 
S. 499 ff. 
2) J. Müller, Leber die phantastischen Gesichtserscheinungen. Coblenz 1826, S. 23.
        

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