Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/435/
Intellectuelle Gefühle. 
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Das logische Gefühl bezieht sich auf die Objecte unseres Denkens 
und ihr gegenseitiges Verhältnis. Aus dem subjectiven Bewusstsein 
unserer Denkacte und Handlungen entspringt eine zweite Form intellec- 
tueller Gefühle: die ethischen Gefühle. Unser Ich fühlt sich durch 
eine Handlung, sofern sie nicht gleichgültig erscheint, entweder gefördert 
oder verletzt: es entstehen hierdurch als primitive Formen ethischer Ge¬ 
fühle die des gehobenen und gehemmten Selbstgefühls. Indem 
aber unser eigenes Selbst theilnimmt an den Vorstellungen und Gefühlen 
der Gemeinschaft, der es angehört, tritt zu dem Selbstgefühl das Mitge¬ 
fühl. Die objectiven Handlungen, welche diese Gefühle erregen, wirken 
auf uns gefällig oder missfällig: sie erregen die Affecte der Billigung 
und der Missbilligung. In den Anfängen der geistigen Entwicklung über¬ 
wiegt das Selbstgefühl. Seine Läuterung erfährt es durch den fortge¬ 
setzten Kampf, in den es mit dem Mitgefühl geräth, und aus welchem 
das letztere schließlich als Sieger hervorgeht. Diese ganze Ausbildung 
des sittlichen Gefühls ist an die Entwicklung des Selbstbewusstseins ge¬ 
bunden, von welchem das Selbstgefühl einen wesentlichen Bestandtheil 
bildet1). Fand das ursprüngliche sinnliche Selbstbewusstsein nur durch 
den sinnlichen Schmerz, den eigenen oder fremden, sich gestört, so wird 
allmählich, wie der eigene Körper als ein Stück der Außenwelt erscheint, 
so auch die sinnliche Empfindung ein relativ äußerliches. Nachdem 
das Selbstbewusstsein sich zurückgezogen hat auf die Thätigkeit des 
Willens im Gebiet des Vorstellens und Handelns, wird der Wille, der 
eigentliche Mittelpunkt des Selbstbewusstseins, auch zum Ausgangspunkt 
der sittlichen Gefühle. Der Wille kann aber nur dadurch Gegenstand 
einer Beurtheilung werden, dass wir seiner Thätigkeit Zwecke setzen und 
dann unsere Billigung oder Missbilligung von der Erfüllung dieser Zwecke 
bestimmt sein lassen. So geschieht es, dass das sittliche Gefühl zur Auf¬ 
stellung von Regeln des Handelns führt. Sie kommen zu Stande, indem 
die Reflexion sich die Bedingungen vergegenwärtigt, unter denen einer 
Willensthätigkeit in uns das Gefühl der Billigung oder Missbilligung ent¬ 
spricht. Mit der Entwicklung des Bewusstseins ändern sich diese Be¬ 
dingungen. Auch die sittlichen Normen sind daher nicht absolut unver¬ 
änderlich sondern entwicklungsfähig2). 
Eine dritte Entwicklungsform gewinnen die intellectuellen Gefühle 
in dem religiösen Gefühl. Es erwächst aus dem Bedürfniss, zwischen 
den in der äußern Erfahrung gegebenen Erscheinungen und den sittlichen 
Trieben oder den Gemüthsbewegungen, aus denen dieselben hervorgehen, 
dem Selbstgefühl und dem Mitgefühl, eine Uebereinstimmung herzustellen. 
1) Vgl. oben S. 259. 
2) Vgl. hierzu meine Ethik, namentlich Abschn. I und III.
        

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