Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/434/
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Gemüthsbewegungen. 
3. Intellectuelle Gefühle. 
Als intellectuelle Gefühle wollen wir hier alle diejenigen Ge¬ 
müthsbewegungen bezeichnen, welche die apperceptiven Verbindungen 
der Vorstellungen begleiten. Zu den letzteren verhalten sie sich ähnlich 
wie die Affecte zu den Associationen, namentlich insofern als sie einer¬ 
seits als die Producte bestimmter Apperceptionsprocesse erscheinen, ander¬ 
seits aber in den Verlauf derselben bestimmend eingreifen. Wo diese 
Rückwirkung in energischer Weise sich geltend macht, da gewinnen dann 
solche Gefühle einen affectartigen Charakter. Eine ausführliche Erörterung 
der intellectuellen Gefühle liegt außerhalb des Bereichs dieser Darstellung, 
da sie theils der descriptiven Psychologie zugehört, theils unmittelbar in 
das Gebiet der angewandten psychologischen Disciplines der Ethik, Reli¬ 
gionsphilosophie und Aesthetik, hinüberführt. Wir müssen uns darum 
hier auf die Hervorhebung der allgemeinen Entstehungsbedingungen be¬ 
schränken. 
Die relativ einfachste Form tritt uns in jenen Gefühlen entgegen, 
welche den Denk- und Erkenntnissprocess begleiten, und welche wir darum 
als die logischen Gefühle bezeichnen wollen. Jede Verbindung zweier 
logisch zusammengehöriger Vorstellungen ist von einem Gefühl der Ueber- 
einstimmung begleitet; gegen den Versuch widerstreitende Begriffe zu 
verknüpfen erhebt sich das Gefühl des Widerspruchs. Handelt es sich 
nicht um einen einzelnen Denkact sondern um einen zusammengesetzten 
Erkenntnissprocess, so entstehen aus den Gefühlen der Uebereinstimmung 
und des Widerspruchs die der Wahrheit und Unwahrheit, zwischen 
denen der Zweifel als eine unentschiedene Gemüthslage steht. Sie sind 
Verschmelzungsproducte aus zahlreichen Elementargefühlen der Ueberein¬ 
stimmung und des Widerspruchs, unter denen aber meistens nur ein ein¬ 
ziges klarer appercipirt wird. Durch alle diese Gefühle entstehen außer¬ 
dem Affecte von eigentümlicher Färbung, in welchen das Gelingen 
oder Misslingen der Gedankenverbindungen, die Leichtigkeit oder 
Anstrengung des Gedankenlaufs sich ausprägt. In einem Stadium des 
Denkens, in welchem wir durchaus noch nicht im Stande sind die logischen 
Beweismittel für ein intellectuelles Resultat mit Sicherheit aufzuzeigen, 
wird dieses letztere in der Regel schon von dem Gefühl vorausgenommen. 
In diesem Sinn ist das Gefühl der Pionier der Erkenntniss. Auf ihm be¬ 
ruht jener logische Takt des praktischen Menschenverstandes wie des 
wissenschaftlichen Denkens, welcher dem Instinct so verwandt scheint.
        

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