Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/41/
Theorie der Localisation und der räumlichen Tastvorstellungen. 
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welche in ihrer Verschiedenheit das Motiv zur ersten Unterscheidung der 
tastenden Glieder mit sich führt. Die einer jeden Hautstelle zukommende 
locale Färbung nennen wir, einen von Lotze1) in allgemeinerem Sinne ein¬ 
geführten Ausdruck benützend, das Localzeichen derselben. Wir nehmen 
an, dass jeder Hautstelle ein bestimmtes Localzeichen zukommt, welches 
in einer vom Ort des Eindrucks abhängigen Qualität der Empfindung be¬ 
steht, die zu der durch die wechselnde Beschaffenheit des äußern Eindrucks 
bedingten Qualität und Intensität der Empfindung hinzutritt. Die Qualität 
des Localzeichens ändert sich stetig von einem Punkt der Hautoberfläche 
zum andern, so aber, dass wir erst in gewissen größeren Abständen die 
Verschiedenheit auffassen können. Mit der Stärke des äußern Eindrucks 
nimmt bis zu einer gewissen Grenze die Deutlichkeit des Localzeichens zu, 
da wir sehr schwache Eindrücke unvollkommener localisiren als solche von 
etwas größerer Stärke. Die Localzeichen werden zunächst an die Tast¬ 
empfindungen der Hautoberfläche gebunden sein; doch mögen auch die 
unter der Haut gelegenen von sensibeln Nerven versorgten Weichtheile, 
namentlich die Muskeln und Gelenke, sich an denselben betheiligen. Am 
genauesten sind sie jedenfalls an den mit besonderen Tastapparaten ver¬ 
sehenen Stellen; insbesondere sind an die Druckpunkte selbst so feine 
Unterschiede der Empfindung geknüpft, dass bei punktförmiger Berührung 
selbst zwei benachbarte Druckpunkte räumlich geschieden werden2)- Die 
Geschwindigkeit, mit welcher sich diese Zeichen an den verschiedenen 
Stellen des Körpers ändern, ist hiernach eine sehr wechselnde. Die Größe 
der Empfindungskreise gibt hierfür einen gewissen Maßstab. Wegen der 
meist längsovalen Gestalt dieser Bezirke werden sich in der Regel die 
Localzeichen in der Längenrichtung der Theile langsamer als in der queren 
Richtung verändern, und im übrigen wird zwar die Geschwindigkeit ihrer 
Abstufung außerordentlich variiren, doch wahrscheinlich nicht in so hohem 
Grade, als die gewöhnlichen Unterschiede im Durchmesser der Empfin¬ 
dungskreise erwarten lassen, da diese Unterschiede durch die Uebung 
zum Theil ausgeglichen werden. Schließlich wird vorauszusetzen sein, 
dass für symmetrische Stellen beider Körperhälften die Localzeichen zwar 
sehr ähnlich, aber nicht identisch sind. Für ihre Aehnlichkeit sprechen, 
abgesehen von der Erwägung, dass übereinstimmende StructurVerhältnisse 
des Tastorgans auch eine übereinstimmende Beschaffenheit der Empfin¬ 
dung mit sich führen müssen, namentlich die Beobachtungen über die 
unwillkürliche Mitübung der correspondirenden Theile einer Seite, wenn 
die andere durch Uebung vervollkommnet wurde3). Ebenso werden auf 
1) Medicinische Psychologie, S. 331. 
2) S. 7 f. 3) S. 18.
        

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