Apperceptive Verbindungen.
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aufhört. Bis hierhin lassen sich diese Sätze als zwar bestreitbare, aber immer¬
hin mögliche Hypothesen ansehen, mit deren Hülfe der Versuch gemacht werden
könnte, das Schauspiel des Verlaufs der Vorstellungen zu erklären. Herbart
fügt ihnen dann noch die weitere Annahme hinzu, dass disparate Vorstellungen
sich nicht hemmen, sondern eine Complication einfacher Vorstellungen bilden,
und dass von den Vorstellungen desselben Sinnes die gleichartigen Bestandteile
sich nicht hemmen, sondern mit einander verschmelzen. Von diesen Annahmen
aus ergibt sich nun die naheliegende Voraussetzung, bei gleichen Gegensätzen
verschiedener Vorstellungen seien die Hemmungen, die sie erfahren, ihren In¬
tensitäten umgekehrt proportional, und bei gleichen Intensitäten sei die Hem¬
mung jeder einzelnen Vorstellung der Summe der Gegensätze, in denen sie
sich zu den andern Vorstellungen befindet, direct proportional. Sind also, was
der gewöhnliche Fall sein wird, sowohl die Intensitäten wie die Gegensätze
ungleich, so wird die Abhängigkeit eine zusammengesetzte sein. Drei Vorstel¬
lungen von der Stärke a, b, c werden z. B. in den Verhältnissen — —,
n -j- p
c
gehemmt werden,
wenn der Gegensatz von a und b = m, von a und
c — p, von b und c = n ist. Durch diese Feststellung des Hemmungsverhält¬
nisses ist aber noch kein Aufschluss über das Verhalten der Vorstellungen im
Bewusstsein gewonnen ; zu diesem Zweck müsste man offenbar nicht bloß das
Hemmungsverhältniss, sondern die absolute Intensität des Vorstellens kennen,
welche nach geschehener Hemmung übrig bleibt. Wir kennen diese absolute
Intensität nicht. So hilft sich denn Herbart mit einer Hypothese. Er nimmt
an, die absolute Summe der Hemmungen sei möglichst klein, was dann statt¬
finde, wenn nicht alle Vorstellungen gegen alle, sondern alle gegen eine, und
zwar gegen diejenige, der die kleinste Summe von Gegensätzen gegenüberstehe,
sich richten. Diese Annahme ist nun nicht nur willkürlich, sondern auch so
unwahrscheinlich wie möglich. Wenn zu zwei Vorstellungen a und b, die in
starkem Gegensätze stehen, eine dritte c von minderem Gegensätze hinzutritt,
so sollen plötzlich a und b einander loslassen, um sich beide auf die ihnen
verwandtere c zu werfen, ähnlich wie zwei erbitterte Gegner über irgend einen
unschuldigen Dritten herfallen, der sich beikommen lässt, zwischen ihnen ver¬
mitteln zu wollen. Der einzige Grund für diese Behauptung ist der in ver¬
schiedenen Wendungen wiederkehrende teleologische Gedanke: da alle Vorstel¬
lungen der Hemmung entgegenstrebten, so würden sie sich zweckmäßiger Weise
wohl mit der kleinsten Hemmungssumme begnügen, worauf die Frage nahe
liegt, warum sie denn nicht lieber diese unzweckmäßige Thätigkeit ganz ein¬
stellen. Gehört es zum Wesen der entgegengesetzten Vorstellungen sich zu
hemmen, so kann die Hemmungssumme zwischen a und b durch den Hinzutritt
einer dritten Vorstellung c nur insoweit alterirt werden, als diese dritte Vor¬
stellung selbst wieder a und b hemmt und von ihnen gehemmt wird, ähnlich
wie die Attractionskraft zweier Körper durch einen dritten in ihrer Wirkung
complicirt, aber nimmermehr aufgehoben wird. Die übrigen Voraussetzungen
Herbart’s, wie sein dynamisches Gesetz, dass die Hemmungen, welche die "Vor¬
stellungen in jedem Augenblick erleiden, der Summe des noch zu Hemmenden
proportional seien, und die Annahme, dass die Vorstellungen durch die Beste,
durch welche sie mit einander verschmolzen sind, eine gegenseitige Hülfe em¬
pfangen, welche dem Product der Verschmelzungsreste direct, der Intensität