Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/395/
Apperceptive Verbindungen. 
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den jeweils herrschenden Gesichtspunkten vergleichender Beziehung aus 
als die geeigneten erscheinen. Die Gesetze, welche hierbei zur Geltung 
kommen, sind demnach als die eigentlichen Apperceptionsgesetze 
anzusehen, während in den Formen der Association vielmehr nur jene 
psycho-physischen Fundamentalgesetze ihren Ausdruck finden, welche die 
Vorbedingungen für die Functionen der Apperception bilden. 
Indem sich nun die Apperception des ihr durch die Associationen 
bereit gehaltenen Stoffes bemächtigt, ist ihre Thätigkeit theils eine ver¬ 
bindende theils eine zerlegende. Beide Arten der Function werden 
durch das Material der Apperception, namentlich durch die mittelst innerer 
Association verbundenen Vorstellungen, ermöglicht. Denn zwischen den 
durch Aehnlichkeit associirten Vorstellungen bestehen theils Ueberein- 
stimmungen theils Unterschiede. Die Uebereinstimmung erweckt aber die 
positive Form der vergleichenden Apperception, die Verbindung, der 
Unterschied die negative Form, die Zerlegung. 
Die Apperception verbindet getrennte Vorstellungen, um aus ihnen 
neue einheitliche Vorstellungen zu bilden. Den ersten Anlass zu solchen 
Verbindungen bietet überall die Association dar. Durch Association ver¬ 
binden wir z. B. die Vorstellungen eines Thurms und einer Kirche. Aber 
mag uns auch die Coexistenz dieser Vorstellungen noch so geläufig sein, 
so hilft doch die bloße Association noch nicht zur Vorstellung eines Kirch- 
thurms. Denn diese enthält die beiden constituirenden Vorstellungen 
nicht mehr in bloß äußerlicher Goexistenz, sondern es ist in ihr die 
Vorstellung der Kirche zu einer der Vorstellung Thurm anhaftenden, sie 
näher charakterisirenden Bestimmung geworden. Auf diese Weise bildet 
die Agglutination der Vorstellungen die erste Stufe apperceptiver 
Verbindung: unter ihr verstehen w7ir jene Verknüpfung ursprünglich 
associativ verbundener Vorstellungen, bei welcher wir uns zwar der Be¬ 
standteile noch deutlich bewusst sind, aber aus denselben eine resul- 
tirende Vorstellung gebildet haben. 
In vielen Fällen bleibt jedoch die Verbindung nicht auf dieser Stufe, 
sondern es verschwinden allmählich die ursprünglichen Elemente aus dem 
Bewusstsein, und wir sind uns nur noch der resultirenden Vorstellung 
bewusst: es geht so aus der Agglutination eine apperceptive Ver¬ 
schmelzung der Vorstellungen hervor. Dieser Process ist es, der 
vor allem in der Bildung der Sprachformen seinen Ausdruck gefunden 
hat, und der hier von den äußeren Erscheinungen der Contraction und 
Corruption der Laute begleitet zu sein pflegt. Zwei wuchtige psycho¬ 
logische Vorgänge hat dieser Verschmelzungsprocess im Gefolge, die Ver¬ 
dichtung und die Verschiebung der Vorstellungen, welche in 
der Sprache in den Erscheinungen des Bedeutungswechsels der Wörter 
Wundt, G-rundziige. II. 3. Au fl. 25
        

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