Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/325/
Zusammengesetzte Reactionsvorgänge. 
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liehen Zeiten verschiedener Individuen nur wenig abweichen1). Dieser 
Umstand weist daraufhin, dass auch bei dem Uebergang zur Associations- 
reaction bei den Beobachtern mit verkürzter Reactionszeit die Reactions- 
form sich ändert. Da aber die Unterschiede der einfachen Reactionszeiten 
gegenüber der absoluten Größe der Associationsreactionen wenig in Be¬ 
tracht kommen, so werden bei sämmtlichen Beobachtern die berechneten 
Zeiten von den wirklichen nicht erheblich abweichen2). Trotz der Gon¬ 
stanz der Mittelwerthe ist die mittlere Variation der Associationsreactionen 
begreiflicher Weise eine sehr erhebliche, da die Menge und Leichtigkeit 
der associativen Beziehungen bei den einzelnen Vorstellungen außerordent¬ 
lich verschieden ist. Ein gewohntes oder in geläufigen Associationsbezieh¬ 
ungen stehendes Wort ruft natürlich rascher eine Reproduction hervor als 
ein seltener gebrauchtes oder relativ isolirtes. Dies zeigt deutlich die 
folgende Zusammenstellung beobachteter Minimal- und Maximalzeiten, 
denen ich die entsprechenden qualitativen Vorstellungsassociationen beifüge. 
Beobachter Kürzeste Associationszeit 
R. B. 445 (Pflicht—Recht) 
M. T. 441 (Zeit—Zeitmessapparat 
TV. TU. 34t (Sturm—Wind) 
Längste Associationszeit 
1132 (Lahm—Krücke) 
1132 (Leim—Vogelfalle) 
1190 (Staub—Sand) 
Werden nicht, wie es oben geschah, die Mittel aus allen, sondern 
bloß diejenigen aus den häufigsten Associationen berechnet, so liegen 
diese Mittel der unteren dieser Zeitgrenzen viel näher als der oberen. 
So fand Kraepelin bei sich selbst 570er, bei Trautscholdt 400 a als Mittel 
der frequentesten Associationen3). Die leichtesten Associationen sind 
also, was übrigens von vornherein erwartet werden konnte, immer auch 
die häufigsten. 
Bringt man ferner die Associationen in gewisse Classen, so zeigen 
sich Unterschiede ihrer mittleren Dauer, welche charakteristische indivi¬ 
duelle Abweichungen darbieten. Mit Rücksicht darauf, dass bei den oben 
beschriebenen Versuchen die Association stets von einer Wortvorstellung 
ausgeht, lassen sich in diesem Fall drei Hauptclassen unterscheiden: 
I) Wortassociationen, bei denen lediglich ein bestimmtes Wort ein anderes 
vermöge häufiger Verbindung mit demselben reproducirt, wie z. B. bei 
\ ) Nur bei S. H. ist die Associationszeit eine merklich längere; hier macht aber 
die geringere Uebung in der deutschen Sprache die langsamere Association auf zu¬ 
gerufene deutsche Worte erklärlich. 
2) Anders ist dies auch hier wieder bei den Unterscheidungszeiten, wo der Werth 
von 570 für M. T. auf verkürzte Reactionen hinweist. R. B. und M. T. reagirten 
offenbar beide muskulär; R. B. ging aber schon bei den Unterscheidungsreactionen, 
M. T. erst bei den Associationsreactionen zur sensoriellen Reaction über. Darum ist 
U bei R. B. offenbar zu groß, bei M. T. zu klein. 
3) Kraepelin, Tageblatt der Naturforscherversammlung zu Straßburg, 4 885.
        

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