Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/231/
Die ästhetischen Elementargefühle als Mittelglieder etc. 
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die ästhetischen Gefühle überall aus der unmittelbaren Wirkung der Einzel¬ 
vorstellungen auf das Bewusstsein hervorgehen. Diese Wirkung äußert 
sich aber in der Einordnung des Einzelnen in den vorhandenen Yorrath 
allgemeiner Vorstellungen. Das nächste Motiv des Gefallens liegt immer in 
der Leichtigkeit, mit welcher der Gegenstand unserer Wahrnehmung den 
bereit liegenden Formen der Zeit- und Raumanschauung sich einfügt; daher 
das gleichförmige Zeitmaß des Rhythmus, die leicht überschaubaren Ver¬ 
hältnisse der symmetrischen und proportionalen Gliederung des Räumlichen 
die einfachsten Bedingungen des Gefallens enthalten. Nicht minder wird 
man in der Befriedigung, welche wir bei der Lösung einer Aufgabe oder 
bei dem einfachen Verstehen eines gehörten Satzes empfinden, ein ästhe¬ 
tisches Gefühl anerkeunen müssen ; ja die elementarste Form desselben 
begegnet uns ohne Zweifel schon bei dem Wiedererkennen eines einmal 
wahrgenommenen Gegenstandes, bei der einfachen Erinnerung an ein ge¬ 
hörtes Wort u. dergl. In allen diesen Fällen liegt aber die Ursache des 
Gefühls in der Einordnung der Vorstellungen in den Vorrath der unserm 
Bewusstsein verfügbaren Formen. Beim Aesthetischen im engeren Sinne be¬ 
gegnen uns die nämlichen Vorgänge; nur der Werth der durch den Ein¬ 
druck wachgerufenen Gedanken ist ein anderer. Denn die Wirksamkeit 
der höheren ästhetischen Vorstellungen beruht überall auf der Erweckung 
sittlicher und religiöser Ideen. Indem wir uns dieser als unseres 
besten Besitzthums bewusst sind, legen wir dem angeschauten Gegenstand 
in dem Maße höheren Werth bei, als das Gefühl, das er erweckt, jene Ideen 
aus dem Dunkel der Seele emporzieht, und als er dadurch auf uns selbst 
veredelnd zurückwirkt. Die äußeren Maß Verhältnisse, in denen sich der 
im höheren Sinne ästhetische Gegenstand darbietet, sind nur das äußere 
Gewand, das, wo es seines bedeutsamen Inhalts beraubt wird, wenig 
mehr als jene gemeinere psychologische Form des ästhetischen Gefühls 
zurücklässt, die an jede Aufnahme der Vorstellungen gebunden ist, höch¬ 
stens insofern der letzteren überlegen, als schon das Gleichmaß der Theile 
einer Vorstellung in uns Gedanken anklingen lässt, denen ein ethischer 
Werth zukommen kann. Theils durch diese Gedanken theils durch die 
erleichterte Zusammenfassung wird das Regelmäßige, das symmetrisch 
Gegliederte zu einem so wirkungsvollen Gewände für die höheren Formen 
des Aesthetischen. 
Seiner psychologischen Natur nach lässt sich hiernach das ästhetische 
Gefühl allgemein als die unserm Bewusstsein eigenthümliche Reac¬ 
tion auf die in dasselbe eintretenden Vorstellungen bestimmen. 
Es ist aber an sich ein ebenso integrirender Bestandteil der zusammen¬ 
gesetzten Vorstellung, wie das sinnliche Gefühl ein Bestandteil der Em¬ 
pfindung ist. Die besondere Färbung des Gefallens und Missfallens ist
        

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