Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (2)

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Aesthetische Elementargefühle. 
bildung solcher Formen das Bewusstsein der wirklichen Geradlinigkeit auf 
Kosten des optischen Scheins zu bevorzugen. Da nach den in Fig. 150 
S. 103 dargestellten Erscheinungen der horizontale Netzhautmeridian bei 
den schrägen Bewegungen nach oben mit seinem äußern Ende nach auf¬ 
wärts, bei den Bewegungen nach unten nach abwärts gekehrt ist, so wird 
eine in Wirklichkeit horizontale Linie im entgegengesetzten Sinne ge¬ 
krümmt gesehen: die Horizontale über dem Blickpunkt erscheint also als 
eine nach unten, die Horizontale unter dem Blickpunkt als eine nach oben 
concave Bogenlinie1). Aehnliche Krümmungen müssen horizontale Linien, 
deren Fixirpunkt in der Mitte liegt, in Folge der Abnahme des Gesichts¬ 
winkels darbieten. Diese Abweichungen werden namentlich bei langen 
Facaden, die man in der Nähe betrachtet, sich fast mit zwingender Macht 
geltend machen. In der That hat daher in solchen Fällen ein fein aus¬ 
gebildeter Formensinn bis zu einem gewissen Grade dem optischen Schein 
Bechnung getragen2). 
Schon in der Perspective und den mit ihr zusammenhängenden Er¬ 
scheinungen macht für den Gesichtssinn der maßgebende Einfluss äußerer 
Naturbedingungen auf das Gefallen deutlich sich geltend. Noch bestimm¬ 
ter tritt dieser Einfluss in der Wirkung specieller Naturformen hervor, 
bei denen das an die allgemeinen Formverhältnisse gebundene ästhetische 
Gefühl wesentlich erhöht wird durch die tiefer liegenden Beziehungen, in 
welchen die Theile der Form zu einander stehen. Dass die Schönheit 
einer menschlichen Gestalt nicht bloß aus der Begelmäßigkeit ihrer Form 
hervorgeht, wird Niemand bestreiten. Ein regelmäßiges Kreuz oder Sechseck 
wäre ihr sonst an ästhetischem Werth weit überlegen. Doch ebenso wenig 
wird man behaupten können, dass die Regelmäßigkeit hier vollkommen 
gleichgültig sei. Die menschliche Gestalt ist bilateral symmetrisch; sie 
ist in ihrer Höhe nach Verhältnissen gegliedert, die der allgemeinen Regel 
folgen, dass sie sich innerhalb der Grenzen leicht überschaubarer Maße 
bewegen, und die zwar innerhalb einer gewissen Breite schwanken, von 
deren Durchschnittswerthen aber doch nicht allzuweit abgegangen werden 
darf. Mehr jedoch als diese abstracten Proportionen dürfte zu der ästhe- 
1) Vgl. S. 113. 
2) Diesen Conflict des Bewusstseins der Geradlinigkeit mit den aus den Gesetzen 
der Bewegung und der Perspective hervorgehenden Bildern, des Collinearitäts- mit dem 
Conformitätsprincip, hat in anziehender Weise Guido Hauck geschildert in seiner Schrift: 
Die subjective Perspective und die horizontalen Curvaturen des dorischen Stils. Stutt¬ 
gart 1 879. Außerdem weist der Verf. nach, dass die Bildung der genannten Curva¬ 
turen mit der nur aus architektonischen Erfordernissen entstandenen Seitenverschiebung 
der Ecktriglyphen in der engsten Beziehung steht. (A. a. O. S. 126.) Auf das In¬ 
einandergreifen zahlreicher, theils übereinstimmender theils contrastirender Formmotive 
in den Architekturformen hat neuerdings Adolf Göller hingewiesen in seinen von 
feinem ästhetischen Sinn zeugenden Vorträgen: Zur Aesthetik der Architektur. Stutt¬ 
gart 1 887, S. 1 49 ff.
	        
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