Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/216/
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Gesichtsvorstellungen. 
machen soll, wie in die Seele, die er als ein absolut einfaches Wesen voraus¬ 
setzt, die Vorstellung einer extensiven Mannigfaltigkeit gelangen könne1). Be¬ 
stimmt man dagegen den Begriff des Localzeichens in dem oben festgestellten 
Sinne lediglich als einen durch die Erfahrung geforderten, dessen Aufgabe es 
ist die empirisch nachweisbaren Bedingungen der räumlichen Wahrnehmung 
zum Ausdruck zu bringen, so wird es durchaus erforderlich, neben den intensiv 
abgestuften Bewegungsempfindungen qualitative Verschiedenheiten der Local¬ 
zeichen anzunehmen, so dass sich erst aus der Synthese dieser verschieden¬ 
artigen Elemente die extensive Form des Sehfeldes entwickelt2). Diese verschie¬ 
denartigen Empfindungen zusammen lassen sich dann auch, zum Unterschiede 
von dem einfachen Localzeichensystem Lotze’s, als ein System complexer 
Localzeichen bezeichnen3). Dieser Ableitung des Sehfeldes hat sich in den 
wesentlichsten Punkten Helmholtz angeschlossen. Er unterscheidet sich aber 
dadurch, dass er die Bewegungsempfindungen und die Localempfindungen der 
Netzhaut für von einander unabhängige Hiilfsmittel ansieht, deren jedes für sich 
schon räumliche Wahrnehmung soll vermitteln können. Außerdem hält er die 
Annahme für nicht erforderlich, dass die Localzeichen eine stetige Mannigfaltig¬ 
keit bilden, sondern er glaubt, dieselben könnten beliebig vertheilt über die 
Netzhaut sein, da doch erst die Erfahrung einem jeden seine Bedeutung an¬ 
weisen müsse4). Diese Hypothese kann aber, wie ich glaube, dem Einwand 
nicht entgehen, dass sie die in der wirklichen Entwicklung einander begleitenden 
Einflüsse willkürlich scheidet, und dass sie die räumliche Wahrnehmung, von 
der sie behauptet, sie sei in der ursprünglichen Empfindung nicht enthalten, 
in Wahrheit doch schon in die Empfindung, und zwar sowohl in die Bewegungs¬ 
empfindungen wie in die Localzeichen, hineinverlegt. Das nämliche gilt, wie ich 
glaube, von einer Hypothese, welche neuerlich Lipps entwickelt hat5), und welche, 
auf die Beihülfe der Bewegungsempfindungen ganz verzichtend, qualitative Local¬ 
zeichen voraussetzt, die aber nicht an die Netzhaut sondern an die objectiven 
Lichteindrücke gebunden sein sollen. Da benachbarte Netzhautpunkte im Durch¬ 
schnitt häufiger von objectiv gleichen, entferntere von objectiv verschiedenen 
Beizen getroffen werden, so liegt hierin, wie Lipps meint, ein zureichendes 
Motiv für die allmählich sich entwickelnde Zusammenordnung benachbarter und 
die Sonderung entfernter Punkte. Aber erstens ist eine Proportionalität zwi¬ 
schen Entfernung der empfindlichen Punkte und Verschiedenheit des Lichtein¬ 
drucks, wie sie hier vorausgesetzt werden müsste, um die Genauigkeit der 
extensiven Baummessungen zu erklären, mindestens höchst bestreitbar, und 
zweitens bleibt nicht begreiflich, wie die Beziehung objectiv gleicher Eindrücke 
auf benachbarte und verschiedener auf entfernte Netzhautstellen anders geschehen 
sollte als durch irgend welche Merkmale, die an die Netzhaut punkte selbst ge¬ 
knüpft sind, da ja sonst, wenn einmal die Vertheilung der Lichtreize dieser 
4) Lotze, Bevue philosophique, 1 877, p. 346. 
2) Von den hier angedeuteten Gesichtspunkten aus habe ich zuerst in der 4 859 
in der Zeitschr. für rationelle Medicin erschienenen 3. Abhandlung meiner Beiträge 
zur Theorie der Sinneswahrnehmung (gesammelt 4 862, S. 4 45 ff.) die Entstehung des 
Sehfeldes zu erklären gesucht. 
3; Wundt, Revue philos., 4 878, p. 24 7, und Logik, I, S. 458. 
4) Helmholtz, Physiologische Optik, S. 800. 
5) Th. Lipps, Psychologische Studien. Heidelberg 4 885, S. 4 ff. Vgl. auch dessen 
Grundthatsachen des Seelenlebens, S. 54 5 ff.
        

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