Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/195/
Das Stereoskop und die secundären Hiilfsmittel der Tiefenvorstellung. j[35 
die aber vorn bis auf eine kleine Oeffnung verschlossen ist. Man sieht dann 
im Sammelbild einen hellen Fleck umgeben von einem dunkeln Rand, welcher 
gegen die Peripherie hin allmählich heller wird. Aus dem Gesetz, dass Farben 
und Helligkeiten von geringer Verschiedenheit bei binocularer Vereinigung sich 
mischen, solche von großer Verschiedenheit aber sich ganz oder theilweise ver¬ 
drängen, erklären sich endlich noch folgende Beobachtungen, auf welche Fechner 
aufmerksam machte1). Blickt man mit dem einen Auge frei in den Himmel, 
während das andere geschlossen ist, und bringt man dann vor dieses zweite 
Auge ein graues Glas, so wird, sobald man das geschlossene Auge öffnet, plötz¬ 
lich das gemeinsame Gesichtsfeld verdunkelt. Diese Verdunkelung vermindert 
sich aber, wenn man ein helleres graues Glas wählt; und sobald die zu dem 
verdunkelten Auge zugelassene Helligkeit 2/100 bis 5/ioo der vorhandenen • Licht¬ 
intensität erreicht hat, so nimmt von da an die scheinbare Helligkeit im ge¬ 
meinsamen Gesichtsfeld nicht mehr ab sondern zu. Die Helligkeit des mon- 
ocularen Sehens ist nur wrenig geringer als die des binocularen, weil das ganz 
verdunkelte Sehfeld durch das erhellte vollständig verdrängt wird, gerade so 
wie die dunkle Mitte der Fig. 187 B durch den hellen Kreis in A. Bringen 
wir aber ein graues Glas vor das Auge, so tritt in Folge der verminderten 
Helligkeitsdifferenz nicht mehr Verdrängung, sondern Mischung ein ; diese muss 
zunächst Abnahme der Helligkeit zur Folge haben, bis die Lichtintensität im 
verdunkelten Auge hinreichend angewachsen ist2). 
Bei den bisherigen Erscheinungen hat es sich stets um binoculare Vor¬ 
stellungen von bleibender Beschaffenheit gehandelt, ob dieselben nun aus den 
Eindrücken beider Augen sich zusammensetzten, oder aber mit vollständiger 
Verdrängung des einen Eindrucks verbunden w^aren. Dies wird wesentlich 
anders, wenn man solche Bedingungen herstellt, bei denen wieder einfache 
Mischung noch Glanz oder Spiegelung eintreten kann, und bei denen zugleich 
keiner der monocularen Eindrücke durch Contrast so sehr bevorzugt ist, dass 
er den andern verdrängt. In diesem Falle tritt ein Phänomen ein, welches 
man als Wettstreit der Sehfelder bezeichnet hat. Der letztere besteht in 
einer eigenthiimlichen Unruhe der Vorstellung, bei welcher abwechselnd das 
eine Bild das andere auslöscht, und wobei im Moment dieses Uebergangs nicht 
selten auch der Eindruck von Glanz entsteht. Einen auffallenden Wettstreit 
erhält man z. B., wenn man verschiedene Buchstaben, wie B und C} A und F, 
in großer Druckschrift stereoskopisch combinirt; hierbei löschen namentlich die 
sich durchkreuzenden Conturen der beiden Buchstaben einander abwechselnd 
aus. Das einfachste Beispiel dieser Verdrängung sich kreuzender Conturen gibt 
die Fig. 190. Hier bleiben, wenn man A und B stereoskopisch vereinigt, so¬ 
wohl das verticale Linienpaar wie das horizontale bestehen, nur an der Durch¬ 
kreuzungsstelle tritt abwechselnd das eine oder das andere in den Vordergrund; 
es entsteht also entweder ein Bild wie C oder wie die um 90° gedrehte Fig. C. 
Zieht man auf der einen Seite oder auf beiden mehrere parallele Linienpaare 
in größerem Abstande von einander, so zeigt sich, dass für alle in jedem 
Augenblick dieselbe Art der Verdrängung existirt ; es treten also immer ent¬ 
weder die verticalen oder die horizontalen Linien an allen Kreuzungsstellen gleich¬ 
zeitig in den Vordergrund. Dasselbe bemerkt man bei der stereoskopischen 
1) Fechner, Abhandlungen der kgl. sächs. Ges. der Wiss. VII, 1860, S. 416. 
2) Wundt, Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnehmung, S. 355.
        

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