Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/187/
Das Stereoskop und die secundären HülfsmitteJ der Tiefenvorstellung. 177 
trachtet. Ebenso lassen die gewöhnlichen stereoskopischen Landschafts¬ 
photographien , wenn man jedes einzelne Bild in gewöhnlicher Weise 
binocular betrachtet, oft nur sehr undeutlich die wahren Formverhältnisse 
erkennen. Der Effect erhöht sich schon sehr, wenn man das eine Auge 
schließt; er wird aber freilich noch viel größer, wenn man beide Bilder 
im Stereoskop combinirt. Dieser Versuch zeigt sehr augenfällig das Ueber¬ 
gewicht, welches das stereoskopische Sehen gegenüber jenen malerischen 
Hülfsmitteln der Raumanschauung besitzt. 
Indem wir im allgemeinen nach den Regeln der Perspective und der 
Luftperspective die Raumverhältnisse der Gegenstände auffasen, folgen wir 
augenscheinlich dem Einflüsse bestimmter Erfahrungen. Dieser Einfluss 
lässt sich denn auch in vielen Fällen sehr bestimmt nachweisen. Es ist 
leicht zu beobachten, dass Kinder erst auf einer ziemlich fortgeschrittenen 
Entwicklungsstufe Größen und Entfernungen nach der Perspective zu be- 
urtheilen beginnen. Namentlich über weit entfernte Gegenstände täuschen 
sie sich noch lange Zeit. Nur durch fortgesetzte Uebung gelangen wir 
also dazu, auch jenen Theilen des Gesichtsfeldes, welche nicht im Bereich 
der binocularen Tiefenauffassung gelegen sind, dieselbe Vielgestaltigkeit 
der Form zu geben, welche ursprünglich allein durch die stereoskopische 
Wahrnehmung erzeugt wird. Auch hier behält übrigens der Satz seine 
Gültigkeit, dass das Sehfeld immer eine Oberfläche ist, welche je nach 
der Wirkung der angeführten Einflüsse die mannigfaltigsten Gestalten an¬ 
nehmen kann. Nur in einem einzigen Fall könnte es scheinen, dass wir 
unmittelbar den Eindruck des Körperlichen empfangen, bei durchsich¬ 
tigen Gegenständen nämlich, welche ihre in verschiedener Tiefenentfer¬ 
nung gelegenen Oberflächen gleichzeitig dem Beschauer darbieten. Die 
Vorstellung des Durchsichtigen bildet sich aber regelmäßig dann, 
wenn wir zweierlei Eindrücke auf unser Auge einwirken lassen, von 
denen die einen die Vorstellung eines näheren, die andern die eines ent¬ 
fernteren, doch in gleicher Richtung liegenden Objectes erwecken. In 
diesem Fall muss der Schein entstehen, als werde das zweite Object durch 
das erste hindurch gesehen. Dieser Schein tritt nicht bloß dann ein, 
wenn das erste Object wirklich durchsichtig ist, sondern auch, wenn das¬ 
selbe eine spiegelnde Oberfläche besitzt, so dass es das Bild eines andern 
Objectes zurückwdrft. Man kann daher leicht auf folgendem Wege den 
Schein des Durchsichtigen erzeugen: man halte über ein horizontal lie¬ 
gendes schwarzes oder farbiges Papierstückchen a (Fig. 183) eine farblose 
schräg geneigte Glasplatte #, und lasse jn der letzteren eine vertical ge¬ 
haltene weiße Papierfläche c sich spiegeln, auf der irgend ein scharf be¬ 
grenztes Object angebracht ist, z. B. ein kleineres farbiges Papierstück¬ 
chen b. Gibt man der Glasplatte eine Neigung von 450, so scheint dem 
Wundt, Grundzüge. II. 3. Aufl. 12
        

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