Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (2)

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Gesichtsvorstellungen. 
Übertritt. Zunächst werden wir immer geneigt sein für das Sehfeld jene 
allgemeinste Form anzunehmen, welche uns theiis durch die eigenen Be¬ 
wegungsgesetze des Auges, theiis durch die gewöhnlichen Verhältnisse der 
äußeren Eindrücke geläufig ist; erst in zweiter Linie werden die besondern 
Gründe wirken, welche das Sehfeld anders gestalten. Aus den variabeln 
Beziehungen der einzelnen Netzhautstellen beider Augen zu einander müssen 
sich daher die constanteren aussondern. Diese häufigste Verbindung der 
binocularen Netzhauteindrücke ist nur die innigste unter einer Beihe von 
Verbindungen, welche verschiedene Grade der Stärke besitzen. Denn es 
ist auch beim stereoskopischen Sehen viel leichter eine geläufige körper¬ 
liche Form aufzufassen als eine solche, die neue Anforderungen an unsere 
Vorstellung macht. Die Thatsache, dass eine constantere Beziehung existirt, 
steht also mit der anderen, dass im allgemeinen die Verbindung der doppel¬ 
äugigen Eindrücke variabel ist, durchaus nicht im Widerspruch. Wohl 
aber können sich dadurch, dass die constantere Verbindung vorübergehend 
in Conflict geräth mit den Bedingungen, welche die einzelne Wahrnehmung 
mit sich führt, Widersprüche im Sehen selber entwickeln. Solche existiren 
thatsächlich. Sie äußern sich in einem Kampf zwischen Doppelt- und 
Einfachsehen, der überall da zur Erscheinung kommen kann, wo das ob¬ 
jective Sehfeld sehr ungewöhnliche Formen darbietet, oder wo durch starre 
Fixation die genauere Auffassung des Lageverhältnisses der Gegenstände 
beeinträchtigt wird. 
Einen überzeugenden Beleg für die hier entwickelte Auffassung, wo¬ 
nach sich eine gewisse constantere Zuordnung aus variableren Verbindungen 
entwickelt hat, nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die letzteren als Aus¬ 
nahmefälle zu der ersteren hinzugetreten sind, bieten die Erscheinungen 
des Schielens. Mit Bücksicht auf ihre Ursachen kann man zwei Formen 
pathologischer Abweichung der Augenstellungen unterscheiden. Die eine, 
das paralytische Schielen, entspringt aus der vollständigen oder theil- 
weisen Innervationslähmung eines oder mehrerer Augenmuskeln; die 
vv eite, das m uskuläre Schielen, hat ihren Grund in der abnormen 
Verkürzung von Augenmuskeln bei normaler Innervation. In den Fällen 
des paralytischen Schielens beobachtet man nun binoculare Erscheinungen, 
welche sich aus den die Augenmuskellähmungen begleitenden Störungen 
der Localisation ergeben1). Ein Auge z. B., das an Parese des äußern 
geraden Augenmuskels leidet, stellt sich, wenn es einen Punkt fixiren 
soll, in Wirklichkeit nicht auf denselben ein, sondern, da es die Auswärts¬ 
wendung überschätzt, so wird die Gesichtslinie nach innen von dem Punkte 
abgelenkt, auf welchen die Gesichtslinie des andern normalen Auses richtig 
4) Siehe oben S. \ I 4.
	        
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