Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/163/
Binoculare Gesichtswahrnehmungen. 
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hautpunkte a, ß. Dagegen ist der Punkt o ein Deckpunkt im Sehfeld; in 
ihm schneiden sich aber zwei Yisirlinien, die von disparaten Punkten ß, 
ß' ausgehen. Geben wir jetzt dem Sehfeld die Lage Ä B', so wird der 
Punkt y ein identischer und zugleich ein Deckpunkt. Ebenso wie durch 
Veränderungen in der Lage oder Form des Sehfeldes kann aber natürlich 
auch durch veränderte Augenstellung das Verhältnis der Deckpunkte zu 
den identischen Punkten wechseln. 
Da die Visirlinien, namentlich bei entfernteren Objecten, von den 
Richtungsstrahlen nicht merklich verschieden sind, so sind die Deckpunkte 
im Sehfeld dann zugleich Objectpunkte, wenn das Sehfeld dieselbe 
Form hat, welche die dem Sehenden zugekehrte Oberfläche der Objecte 
darbietet. Es wurde oben bemerkt, dass dies im allgemeinen zwar der 
Fall ist, und deshalb sieht eben das Doppelauge in der Regel nicht dop¬ 
pelt sondern einfach. Aber dies schließt zahlreiche Ungenauigkeiten im 
einzelnen nicht aus, ja unter Umständen, wenn die gewöhnlichen Hülfs- 
mittel versagen, können wir vollständig über das Lageverhältniss der Gegen¬ 
stände getäuscht werden. Fällt nun unser subjectiv erzeugtes Sehfeld mit 
der objectiv gegebenen Oberfläche der Objecte nicht zusammen, so schnei¬ 
den sich natürlich in irgend einem Punkte desselben im allgemeinen nur 
noch solche Visirlinien, die verschiedenen Objectpunkten angehören. Es 
sei z. ß. die Ebene A' B' (Fig. 170) unser Sehfeld, die Oberfläche der 
Objecte sei aber die Ebene A B, so entsprechen dem Objectpunkte o zwei 
Punkte y und £ im Sehfeld. In solchen Fällen wird dann in der That ein 
in Wirklichkeit einfacher Punkt doppelt gesehen. Nennen wir das Sehfeld 
in der bisher festgehaltenen Bedeutung, also diejenige Form desselben, die 
wir uns in Folge der Rlickbewegungen und Innervationsempfindungen vor¬ 
stellen, das subjective Sehfeld, und bezeichnen wir zum Unterschiede 
davon die wirkliche Form der uns zugekehrten Oberfläche der Gegenstände 
als das objective Sehfeld, so lässt sich die Regel aufstellen: Wir sehen 
einfach, sobald das objective mit dem subjectiven Sehfeld 
übereinstimmt; diejenigen Punkte des objectiven Sehfeldes 
aber erscheinen uns doppeit, weiche nicht in dem subjectiven 
Sehfeld gelegen sind. 
Das gewöhnlichste Mittel, das subjective übereinstimmend mit dem 
objectiven Sehfeld zu gestalten, wenn die unmittelbaren Bewegungsempfin¬ 
dungen nicht ausreichen, besteht in der successiven binocularen Fixation 
verschiedener Punkte, wo wir dann das Zwischenliegende in annähernder 
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Richtigkeit zur vollständigen Form ergänzen. Wenn das objective Sehfeld 
eine sehr verwickelte Form hat, so können daher einzelne Theile desselben 
dem ruhenden Auge doppelt erscheinen, dann aber durch einige Blick¬ 
bewegungen leicht in eine einfache Vorstellung vereinigt werden, welche
        

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