Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/145/
Wahrnehmung bewegter Objecte. 
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objecte fehlen, da können bald langsam bewegte Gegenstände als ruhend, 
bald aber auch ruhende Gegenstände als bewegt aufgefasst werden1). Aus 
diesen Erfahrungen geht hervor, dass die Bewegung des Auges nur 
ein höchst unsicheres Maß der Bewegungen äußerer Objecte ist. Dies 
könnte bei dem großen Einflüsse, welchen wir der Bewegungsempfindung 
auf die Ausmessung des Sehfeldes und auf die Auffassung der räumlichen 
Verhältnisse ruhender Objecte einräumen mussten, auffallend erscheinen. 
Gleichwohl stehen beide Thatsachen durchaus nicht mit einander im 
Widerspruch. Gerade deshalb, weil wir die Augenbewegung vorzugsweise 
zur Ausmessung ruhender Objecte und ihrer Entfernungen benützen, 
werden wir im allgemeinen nicht geneigt sein unsere Augenbewegung 
auf eine Bewegung der Gegenstände zu beziehen. Soll das letztere ge¬ 
schehen, so müssen uns entweder Orientirungspunkte gegeben sein, oder die 
objective Bewegung muss eine hinreichende Geschwindigkeit besitzen , so 
dass die ihr folgende Blickbewegung deutlich von den gewöhnlichen un¬ 
steten Blickbewegungen bei der Betrachtung ruhender Objecte sich unter¬ 
scheidet. 
Neben den Bewegungsempfindungen und der Orientirung an relativ 
ruhenden Objecten kommt bei der Auffassung äußerer Bewegungen dem 
Ansteigen und der Nachwirkung der Netzhauterregungen (dem Nachbild) 
eine große Bedeutung zu. Um die Bewegung zwischen der Ausgangstage 
a und der Endlage b eines Gegenstandes als eine stetige aufzufassen, 
muss die Vorstellung entstehen können, dass die zwischen a und b vor¬ 
handenen Baumlagen wirklich durchlaufen worden seien. Erfolgt die Be¬ 
wegung zu schnell, so können die verschiedenen Phasen derselben zu kei¬ 
ner deutlichen Auffassung gelangen; erfolgt sie zu langsam, so kann sie 
durch die Vermischung der neuen Eindrücke mit den Nachwirkungen der 
vorangegangenen gestört werden. Man überzeugt sich von dem Einfluss 
dieser Bedingungen am schlagendsten vermittelst der stroboskopischen 
Vorrichtungen. Dieselben bestehen in rotirenden Apparaten, welche 
dem Auge die einzelnen Phasen eines Bewegungsvorganges darbieten, in 
deren Zwischenpausen das Auge unerregt bleibt. Bei dem wirksamsten 
dieser Apparate, dem als Kinderspielzeug allbekannten Dädaleum 
von Horner (auch Zootrop oder Wunderkreisel genannt), sieht man durch 
die in angemessenen Abständen angebrachten verticalen Schlitze einer 
außen schwarz lackirten Blechtrommel auf einen an die Innenfläche der 
Trommel angelegten Papierstreifen, auf dem sich die Zeichnung der Be¬ 
wegungsphasen befindet. Wird nun die Trommel um ihre verticale Axe 
gedreht, so verschieben sich die Fenster derselben und die einzelnen Be- 
1) von Fleischl, Wiener Sitzungsber. 3. Abth. LXXXVI, S. 17. Aubert, Pflüger’s 
Archiv, XXXIX, S. 347, und XL, S. 459.
        

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