Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/551/
Entstehung des sinnlichen Gefühls. 
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Die Lust wurde von Wolff einfach als die intuitive Erkenntniss irgend einer 
wahren oder eingebildeten Vollkommenheit, die Unlust als das Gegentheil davon 
deßnirtL) , und hierauf war dann auch seine Begriffsbestimmung der Affecte 
gegründet1 2). Diese Vorstellungen blieben in der WoLFFschen Schule maßgebend, 
bis Kant dem Gefühlsvermögen eine selbständige Stellung anwies, wodurch in 
den auf ihn gefolgten psychologischen Darstellungen diejenige Auffassung die 
herrschende wurde, die wir unten als die dritte werden kennen lernen. Nichts¬ 
destoweniger beeinflusst die erkenntnisstheoretische Ansicht zum Theil auch 
noch die späteren Darstellungen. So liegt schon, wenn Kant selbst das Ver¬ 
gnügen ein Gefühl der Beförderung, den Schmerz das eines Hindernisses des 
Lebens nennt3), der Gedanke an eine dunkle Erkenntniss nahe, da wir eben 
von der Thatsache, ob das Leben gefördert oder gehemmt werde, nur durch 
Erkenntniss etwas wissen können, und deutlicher noch ist diese Wendung voll¬ 
zogen, wenn z. B. Lotze die KANTSche Definition so modificirt, dass er das 
Gefühl auf eine unbewusste Beurtheilung der geförderten oder gestörten Har¬ 
monie der Lebensfunctionen bezieht4). Hiermit verwandt ist die namentlich bei 
physiologischen Schriftstellern verbreitete Ansicht, nach welcher das Gefühl 
eine Art des Empfindens oder Vorstellens sein soll, die theils von der Be¬ 
schaffenheit der Beize theils von der Verbreitungsform der Nerven herrühre, 
und die sich daher nur gewissen Empfindungen und Vorstellungen anhefte, 
während andere frei davon bleiben5). Diese Ansicht hat sich augenscheinlich 
unter dem Einfluss der in der Physiologie herrschenden Lehre vom Gemein¬ 
gefühl ausgebildet. Das letztere, also das an die Organempfindungen sich 
knüpfende sinnliche Gefühl, betrachtete man meistens mit E. H. Weber als die 
allgemeinste Form des Empfindens, die durch alle mit Empfindungsnerven 
versehenen Theile vermittelt werde, während nur gewisse Nerven nebenbei zur 
Erzeugung specifischer Sinnesempfindungeu geschickt seien6). Auch die meisten 
neueren Psychologen haben sich dieser Auffassung des Gemeingefühls ange- 
sehiossen, meistens mit mehr oder weniger deutlichen Anklängen an Leibniz’ 
1) Wolff, Psychologia empirica, §511, 518. 
2) Ebend. § 603 sq. 
3) Kant, Anthropologie, S. 144. 
4) Lotze, Allgemeine Pathologie, S. 187 und Art. »Seele« in Wagner’s Handwörterb. 
III, 1. S. 491. Später hat Lotze diese Rückbeziehung auf einen Actus unbewusster 
Intelligenz zurückgedrängt und nun einfach das Gefühl selbst als eine Förderung oder 
Störung durch den Reiz bestimmt. (Med. Psychologie, S. 234.) Hierdurch nähert sich 
seine Anschauung einer Modification der KANhschen Theorie, welche W. Hamilton ver¬ 
tritt (Lectures on metaphysics, 5. edit., vol. II, p. 444 f.), und welcher in wieder etwas 
veränderter Gestalt auch Léon Dumont sich anschließt. (Vergnügen und Schmerz. 
Intern, wiss. Bibi. Leipzig 4 876.) Uebrigens macht Lotze rücksichtlich der sinnlichen 
Gefühle noch die weitere Annahme, dass sie auf einem besonderen gefühlerzeu¬ 
genden Nervenprocess beruhen (a. a. O. S. 247). Die hierfür beigebrachten Er¬ 
fahrungsgründe (S. 250 f.) erklären sich großentheils aus den im vorigen Abschnitt 
S. 410) besprochenen Erscheinungen der Analgesie. 
5) Domrich, Die psychischen Zustände. Jena 4 849, S. 4 63. Hagen, Psychologische 
Untersuchungen. Braunschweig 1847, S. 59. G. Lange, Om Sindsbevageiser (Ueber 
Gemüthsbewegungen). Kopenhagen 4 885. W. James, Mind 4 884, p. 4 88. Auch die 
Ansichten von A. Bain über die Gefühle sind diesen einigermaßen verwandt. 
6) E. H. Weber, Tastsinn und Gemeingefühl, Handwörterb. d. Physiol,, III, 2. S. 562. 
J. Müller, der alle Gemeingefühle mit dem Gefühlssinn der Haut vereinigte, vertritt 
im wesentlichen dieselbe Anschauung. (Handbuch der Physiologie, IL Coblenz 4 840, 
S. 275.)
        

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