Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

Abhängigkeit des sinnlichen Gefühls vom Gesammtzustand des Bewusstseins. 527 
heit. Aber dies rührt eben von der eigentümlichen Form des Farbenconti- 
nuums her, aus welcher jener dreifache Uebergang der Farbenstimmung un¬ 
mittelbar sich ergibt. (Vgl. S. 4 62 ff.)1). 
8. Abhängigkeit des sinnlichen Gefühls vom Gesammt¬ 
zustand des Bewusstseins. 
Der Einfluss, welchen der çesammte Zustand des Bewusstseins auf den 
Gefühlston der Empfindung ausübt, kommt hauptsächlich in vier Bezie¬ 
hungen zur Geltung: I) in der Abhängigkeit der Gefühle von der zeitlichen 
Dauer der Empfindungen, 2) in dem Bedingtsein zahlreicher Gefühle durch 
die Reproduction früherer Vorstellungen, 3) in der ebenfalls durch die 
Reproductionsgesetze vermittelten wechselseitigen Beziehung der Gefühls¬ 
betonungen verschiedenartiger Empfindungen, und endlich 4) in der Wir¬ 
kung, welche die Entwicklung derjenigen Vorstellungen, die sich auf unser 
Selbstbewusstsein beziehen, auf die Stärke und Richtung zahlreicher sinn¬ 
licher Gefühle äußert. 
Die zeitliche Dauer der Empfindungen ist für den Gefühlston der¬ 
selben von wesentlicher Bedeutung. Jede Empfindung, welche durch starke 
Reize verursacht ist, verliert bei länger dauernder Einwirkung der letz¬ 
teren an Intensität und qualitativer Bestimmtheit. Anderseits können 
mäßige Reize, wenn sie einige Zeit andauern, eine Summation ihrer Wir¬ 
kungen hervorbringen. Hierin liegt es begründet, dass sich das Gefühl 
niemals eine längere Zeit hindurch auf constanter Höhe erhält, sondern bei 
gleich erhaltenen Reizen zwischen seinen beiden Gegensätzen hin- und her¬ 
schwankt. Lange dauernder Schmerz nähert sich, indem die Reizempfäng¬ 
lichkeit allmählich abgestumpft wird, dem Indifferenzpunkt, und eine mit 
Lustgefühl verbundene Empfindung kann, indem bei wiederholter Reizung 
die Empfindlichkeit wächst, schließlich in ein Unlustgefühl Umschlagen. 
Zu diesen in der allgemeinen Abhängigkeit der Empfindung vom Reiz be¬ 
gründeten Ursachen tritt noch eine weitere hinzu, die in dem Wesen des 
Gefühls selber liegt. Es gibt kein Gefühl, dem nicht ein contrastirendes 
Gefühl gegenüberstände. Jedes Gefühl wird aber durch sein Gegengefühl 
in seiner eigenen Stärke gehoben und sinkt gegen den Indifferenzpunkt 
1) Obgleich die obigen Untersuchungen über die Qualität der sinnlichen Gefühle 
schon in den vorangegangenen Auflagen dieses Werkes enthalten sind, so ist mir 
trotzdem zuweilen unbegreiflicherweise die Ansicht zugeschrieben worden, alle Gefühle 
zeigten nur intensive Unterschiede, oder die Gefühle seien nur von der Intensität, nicht 
von der Qualität der Empfindung abhängig. So von Grote in einem russischen Werk 
über die Psychologie der Gefühle (Petersburg 1880) und von Bouillon, Du plaisir et de 
la douleur. 2. édit. Paris 1 877. Ich habe jetzt schon in der Einleitung dieses Capitels 
meine wirkliche Ansicht in einer, wie ich hoffe, nicht mehr misszuverstehenden Weise 
formulirt.
	        
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