Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/516/
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Qualität der Empfindung. 
die Voraussetzung einer unbestimmt großen Zahl von der Wellenlänge abhän¬ 
giger Spaltungsproducte besser fügt, als die Beschränkung auf drei, vier oder 
gar zwei farbige Sehstoffe 4j. 
Die oben zunächst aus der subjectiven Analyse der Empfindungen abgeleitete 
Sonderstellung der farblosen Empfindung gegenüber den Farben dürfte schlie߬ 
lich auch noch durch die Thatsachen der Entwicklung der Lichtempfin¬ 
dungen nahegelegt werden. Die letztere, nach welcher die Empfindung von 
Hell und Dunkel höchst wahrscheinlich den Farbenempfindungen vorangeht, 
verlangt die Unterscheidung des Processes der farblosen Empfindung als eines 
solchen, der nicht erst aus einer Vermischung von Farben entspringt. Dagegen 
wird man nicht umgekehrt sagen dürfen, dass auch die Farbenempfindung einen 
Process verlange, welcher unabhängig von der farblosen Empfindung stattfinden 
könne. Denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Farbenempfindung jemals 
für sich allein vorkommt ; jedenfalls ist sie bei unserm eigenen Sehen stets von 
der farblosen Empfindung begleitet. Wir haben darum aber auch kein Recht, etwa 
für die farbige und für die farblose Empfindung absolut verschiedene Sehsub¬ 
stanzen vorauszusetzen, sondern genetisch verständlicher scheint die Annahme, 
dass in gewissen morphologischen Elementen die bisher nur zur farblosen Er¬ 
regung geeigneten photochemischen Stoffe eine Beschaffenheit annehmen, wo¬ 
durch sie gleichzeitig zur farbigen Erregung geeignet werden. Rücksichtlich der 
Bedingungen, welche diese Entwicklung bestimmten, sind wir selbstverständlich 
auf Vermuthungen beschränkt. Dass der Gefühlssinn als der gemeinsame Aus¬ 
gangspunkt aller speciellen Sinnesentwicklungen erscheint, wurde schon früher 
bemerkt (S. 2 97). Es liegt nahe, demzufolge die Temperaturempfindungen der 
Haut mit den Lichtempfindungen in eine genetische Beziehung zu bringen. Zu 
einer Ausführung weiterer Analogien zwischen beiden Empfindungsqualitäten, wie 
eine solche Preyer2) versucht hat, bieten sich aber doch allzuwenige Anhalts¬ 
punkte. Auch fand Virus Gräber, dass augenlose oder geblendete Thiere sich 
für Hell und Dunkel und sogar für starke Farbenunterschiede, wie Roth und Blau, 
empfindlich zeigen, indem sie, wenn ihnen verschiedene Lichtqualitäten zur Wahl 
gestellt werden, die eine aufsuchen und die andere meiden, ohne dass gleich¬ 
zeitig bestimmte Temperaturunterschiede mit einwirken. Das lichtempfindliche 
Organ ist aber in solchen Fällen nachweislich die allgemeine Körperoberfläche . 
Grant Allen hat erörtert, dass bei den Insekten die Aufsuchung der in Blüthen 
enthaltenen Nahrung, wie sie auf der einen Seite die Farbenmannigfaltigkeit der 
Blumen verstärkt habe, so auf der andern Seite durch den Kampf ums Dasein die 
Entwicklung des Farbensinns befördert haben werde4). Aehnlich hat man über¬ 
haupt vermuthet, dass die Unterscheidung verschieden gefärbter Objecte bei 
den lebenden Wesen feiner geworden sei, weil sie ihnen nützlich war. Den 
letzten Grund des Vorgangs wird man aber in dem Kampf ums Dasein Schwer¬ 
in Vgl. Philos. Studien, IV, S. 371 ff. 
2) Preyer, Pflüger’s Archiv NXV, S. 78 ff. Wenn derselbe aber vollends die Farben 
mit den Temperatur-, das Farblose mit den Druckempfindungen in Parallele bringt, 
so ist dies eine Hypothese, für die keine einzige wirkliche Thatsache spricht, und die 
sich nur auf unzureichende Analogien stützt. 
3) V. Gräber, Grundlinien zur Erforschung des Helligkeits- und Farbensinns der 
Thiere. Prag u. Leipzig 1884, S. 293 ff. 
4) Grant Allen, The colour-sense, its origin and development. London 1879. 
Deutsche Ausg. von E. Krause. Leipzig 1880.
        

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