Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/512/
500 
Qualität der Empfindung. 
apperceptive Vergleichung der Empfindungen gültigen allgemeinen Ge¬ 
setzes der Beziehung (S. 377). Auch im Gebiete des Lichtsinns werden 
wir voraussetzen müssen, dass dieses Gesetz eine psychologische und eine 
phvsiologische Seite hat. Daraus jedoch, dass die Contrasterscheinungen 
einen psychologischen Ausdruck zulassen, werden wir zugleich schließen 
dürfen, dass die physiologischen Grundlagen derselben centraler Natur 
sind, indem sie aus jener Wechselwirkung des Organs der Apperception 
mit dem Sinnescentrum hervorgehen, auf welche überhaupt das Gesetz 
der Beziehung vermöge seiner psychologischen Bedeutung hinweist1). 
Die YouNG-HELMHOLTz’sche Hypothese der Li eilt empfindu ngen ist ohne Zweifel 
als eine der consequent est en Anwendungen der Lehre von den sped fischen 
Energien anzuerkennen. Die physiologische und psychologische Unzulänglichkeit 
dieser Lehre tritt aber gerade bei ihr in besonders augenfälliger Weise zu Tage. 
Genauer betrachtet sagt jene Hypothese nichts anderes aus als was schon im 
Mischungsgesetze enthalten ist, eine Erklärung des letzteren enthält sie nicht ; 
denn warum aus den drei Grundfarben alle Lichtempfindungen zusammengesetzt 
werden können, dies wird durch die drei Fasergattungen ebenso wenig begreiflich 
gemacht wie durch den NEwroVschen Farbenkreis. Alle neueren physiologisch- 
optischen Arbeiten, in denen das System der drei Grundempfindungen beibe- 
behalten wurde, beschränken sich daher lediglich auf die phy sikalis che Seite 
der Frage, wo dann freilich der Nachweis genügt, dass die drei Grundfarben 
als objective Lichtreize alle möglichen subjectiven Licht empfindungen hervor¬ 
bringen können2). Dem Princip des Parallelismus der physiologischen Sinnes¬ 
erregungen und der Empfindungen wird zwar nicht ausdrücklich widersprochen, 
aber dasselbe wird doch stillschweigend nicht anerkannt. Ich habe schon in 
der ersten Auflage des vorliegenden Werkes betont, dass dieses Princip zum 
Ausgangspunkt aller theoretischen Erörterungen dienen müsse, und, nachdem ein 
Jahr später Hering das nämliche Princip zur Grundlage seiner Theorie gemacht, 
ist es allmählich auch von solchen Forschern, die im Uebrigen an der Yoeng- 
HELMiiOLTz’schen Hypothese festhalten, insofern acceptirt worden, als dieselben 
geneigt sind das Weiß als eine specifische Grundempfindung anzusehen, welche 
stets die farbige Reizung begleite: so besonders Donders3) und von Kries4). Im 
Anschlüsse hieran sind sogar Versuche gemacht worden verschiedene physiolo¬ 
gische Substrate für die achromatische und die chromatische Reizung aufzufinden, 
sei es nun dass man solclie in der Retina selber aufsuchte, oder sei es dass man 
nur den Ort der chromatischen Reizung in die Retina verlegte, die bloße Licht¬ 
unterscheidung aber als einen centralen Vorgang postulirte5 6). Diese Versuche 
haben jedoch in Bezug auf die Retina bis jetzt zu keinem sicheren Resultate 
geführt3 , und bezüglich der centralen Vorgänge bleibt auch hier die Auffassun 
O' 
1) Ygl. hierzu Cap. VIII, S. 3SO f. 
2) Vergl. König und Diterici, Die Grundempfindungen und ihre Intensitätsverthei- 
lung im Spektrum. Sitzungsber. der Berliner Akad. 29. Juli 4 886. 
3) Donders, Arch. f. Ophthalm., XXVII, 4, S. 4 35. XXX, 4, S. 4 5. 
4) von Kries, Die Gesichtsempfindungen und ihre Analyse. Leipzig 4 882, S. 4 59. 
5) von Kries, a. a. O. S. 4 64. Donders ist geneigt, auch die Bedeutung der vier 
Hauptfarben Roth, Gelb, Grün und Blau auf unbekannte centrale Bedingungen zurück¬ 
zuschieben (a. a. O. XXVII, S. 4 73). 
6) Vgl. Schneller, Arch. f. Ophthalm., XXVIII? 3, S. 73.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.