Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

Lichtempfindungen. 
493 
nen Widerspruch, da dieselben nur die ausgezeichnete Stellung bestätigen, 
welche die drei Grundfarben schon nach dem Mischungsgesetz einnehmen. 
Ebenso wenig lässt sich aus der Unterscheidung der vier Hauptfarben ein 
Argument für die Existenz specifisch verschiedener Sehstoffe oder Er- 
regungsprocesse entnehmen. Gehen wir davon aus, dass die Hauptfarben 
diejenigen Farbenpaare sind, deren subjective Verschiedenheit ein Maximum 
ist, so wird die relative Lage derselben abermals durch die Verwandtschaft 
der beiden Endfarben des Spektrums bestimmt, ihre absolute Lage aber 
ist offenbar im wesentlichen eine Sache willkürlicher Uebereinkunft, wobei 
auf die letztere ursprünglich gewisse Naturanschauungen und dann die an 
diese sich anlehnenden Bezeichnungen der Sprache einen wesentlichen 
Einfluss ausgeübt haben (vgl. oben S. 451). Hätten wir uns daran gewöhnt 
Purpur und Orange als Hauptfarben anzusehen, so würde Niemand sich 
bedenken dem Roth die Rolle einer Zwischenfarbe zwischen beiden zuzu¬ 
schreiben. Die Maler, welche aus blauen und gelben Pigmenten das Grün 
mischen, sind geneigt letzteres als eine Zwischenfarbe anzusehen, während 
die Physiologen in derselben eine Hauptfarbe erkennen. Der Begriff der 
Hauptfarbe hat also nur insofern eine Bedeutung, als er gewisse relative 
Unterschiedsmaxima innerhalb der in sich geschlossenen Farbencurve an¬ 
deutet. Ein weiteres Interesse knüpft sich an diese subjectiven Maximal¬ 
unterschiede insofern, als dieselben mit den complementären Farben zwar 
nahezu, aber nicht vollständig zusammenfallen, und zwar findet die Ab¬ 
weichung stets in dem Sinne statt, dass die Complementärfarben etwas 
weiter als die einander entgegengesetzten Hauptfarben von einander ent¬ 
fernt sind. Es ist übrigens sehr wohl denkbar, dass diese Abweichung 
ebenfalls durch jenen Einfluss bestimmter Naturobjecte veranlasst ist, 
welcher die Wahl der vier Hauptfarben bestimmt hat. Denn es ist doch 
nicht zu übersehen, dass das subjective Maß der Unterschiede unserer 
Lichtempfindung ein sehr unsicheres ist. Schwerlich möchte in der That 
Jemand im Stande sein zu entscheiden, ob Purpur und Grün nicht sub- 
jectiv verschiedener seien als Roth und Grün. Um so weniger sind wir 
berechtigt die bei der Farbenmischung in Bezug auf die compensirende 
Wirkung der Farben erhaltenen Resultate durch die conventioneilen vier 
Hauptfarben zu berichtigen. 
Die Grundzüge der hier entwickelten Theorie, welche im Gegensätze 
zu den beiden vorhin erörterten Componententheorien (der Young- 
Heoiholtz sehen und der HERixG?schen) als S tuf en theori e oder auch als 
Periodicitätstheorie bezeichnet werden kann, lassen sich hiernach 
in folgenden Sätzen festhalten: 1) Abgesehen von jeder äußeren Licht¬ 
reizung und von allen dieser äquivalent wirkenden inneren Reizen, wie 
Druck, Elektricität u. dgl., befindet sich die Netzhaut in dem Zustande
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.