Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/500/
488 
Qualität der Empfindung. 
Aufgabe ist in erster Linie eine physiologische, aber da den physiologischen 
Vorgängen in diesem Fall durchgängig bestimmte Bewusstseinsphänomene 
entsprechen, so kann sich auch die Psychologie ihrer Erörterung nicht 
entziehen. Die aufgestellten Hypothesen sind meistens einseitig von einer 
der soeben hervorgehobenen vier Gruppen von Erscheinungen ausgegangen, 
und es ist daher begreiflich, dass keine derselben zur Erklärung des ganzen 
Gebietes vollständig zureicht. 
Zunächst hat die subjective Verwandtschaft der beiden Endfarben des 
Spektrums die Aufmerksamkeit gefesselt, und es wurde daher schon von 
Newton1) diese Verwandtschaft in Analogie gebracht mit der Beziehung 
des Grundtons zu seiner Octave, eine Beziehung, welche späterhin noch 
darin eine Stutze zu finden schien, dass die Undulationstheorie für das 
Violett nahezu die doppelte Anzahl Schwingungen annehmen ließ als für 
das Both2). Obgleich nun aber der Versuch, diese Analogie auch auf die 
zwischenliegenden Farbenintervalle auszudehnen, nicht durchführbar ist3), 
und überhaupt vermöge der völligen Verschiedenheit der Reizungsvorgänge 
in beiden Fällen einer solchen Vergleichung die nöthige Grundlage fehlt, 
so lässt sich immerhin nicht bestreiten, dass der Beziehung jener sub- 
jectiven Verwandtschaft der rothen und violetten Farbe auf die Schwin¬ 
gungsverhältnisse des objectiven Lichtes eine gewisse Wahrheit zukom¬ 
men könnte. Von dem photochemischen Reizungsvorgang, den wir 
voraussetzen, müssen wir jedenfalls annehmen, dass er mit der Annä¬ 
herung an die doppelte Schwingungszahl wieder derjenigen Beschaffenheit 
ähnlich wird, die er bei den längsten Lichtwellen besitzt. Bei der sonstigen 
durchgreifenden Verschiedenheit der Ton- und Farbenerregung lässt sich 
aber diese eine Analogie zu keinerlei weiteren Schlüssen benutzen. 
Um§ so näher liegt es, zu diesem Zweck gerade auf jene Erscheinungen 
zurückzugreifen, in welchen die Verschiedenheit der Klang- und Licht- 
empfmdungen vorzugsweise zu Tage tritt, auf die Mischungserschei- 
nungen. Dies geschieht in der YoraG-HEumoLTz'schen Hypothese, welche 
alle Lichtempfindungen auf drei den Grundfarben entsprechende Grund¬ 
empfindungen zurückführt. Für das Wesen dieser Hypothese ist es gleich¬ 
gültig, ob man die drei Grundempfindungen an die specifische Energie 
4) Newton, Optice, lib. I, pars II. 
2) Vgl. S. 446 Anm. 2. 
3) Nach Unger (Poggendorff?s Annalen, LXXXVI1, S. 121) bilden Roth, Grün und 
Violett einen dem Duraccord gleichenden consonanten Dreiklang. Die von Drobisch 
(Abhandl. der sächs. Ges. der Wiss., IV, S. 107) ausgeführte Berechnung stimmt aber 
damit nicht überein, da nach derselben ungefähr die Quarte, welche eine entschieden 
weniger vollkommene Consonanz als die Quinte ist, dem Verhältniss der Contrastfarben 
entspricht (ebend. S. 4 4 9). Dabei hat sich Drobisch außerdem genöthigt gesehen, um 
die Analogie zwischen Ton- und Farbenreihe überhaupt hersteilen zu können, die Ver- 
hältnisszahlen der Lichtschwingungen auf eine gebrochene Potenz zu erheben.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.