Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/492/
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Qualität, der Empfindung. 
Annäherung an das nächstliegende Complementärfarbenpaar entspricht. 
Nennen wir, entsprechend den beim Ilelligkeitscontrast gebrauchten Aus¬ 
drücken, diejenige Farbe, welche durch eine andere beeinflusst wird, die 
reagi rende oder inducirte, diejenige dagegen, welche den Einfluss 
ausübt, die inducirende, so lassen sich die Erscheinungen der Farben- 
induction durch Contrast am zweckmäßigsten in der Weise studiren, dass 
man von der Farbe, welche man als reagirende benützen will, Objecte 
von gleicher Größe und Farbe, also z. B. Papierstücke, die mit möglichst 
gesättigten Pigmenten bemalt sind, auf eine Reihe neben einander gelegter 
größerer Papierstücke legt, die ungefähr nach den Hauptfarben des Spek¬ 
trums abgestuft sind. Man kann dann das farbige Object als die inducirte, 
den andersfarbigen Hintergrund als die inducirende Farbe betrachten. 
Legt man auf diese Weise z. B. rothe Papierstücke neben einander auf 
einen orange, gelb, gelbgrün, grün, grünblau u. s. w. gefärbten Hintergrund, 
so erscheint das Roth in völlig unverändertem Farbenton auf seinem com- 
plementären, also dem blaugrünen Hintergrund. Schon auf grünem er¬ 
scheint es etwas in Purpur verändert, auf Gelbgrün, Gelb, Orange nimmt 
es allmählich einen violetten und selbst bläulichen Schimmer an, wogegen 
es sich auf Blaugrün, Blau u. s. w. mehr dem Orange und Gelb nähert. 
In ähnlicher Weise bleibt Grün unverändert auf dem ihm complementären 
Purpur; auf den gegen das Ende des Spektrums gelegenen Farben nimmt 
es einen gelblichen, auf den gegen den Anfang gelegenen einen bläulichen 
Farbenton an. Achtet man gleichzeitig auf den Farbenton des Grundes, 
so bemerkt man übrigens, dass regelmäßig auch dieser, und zwar in 
entgegengesetztem Sinne verändert erscheint. Während also z. B. Roth 
auf gelbem Hintergründe einen bläulichen Schein annimmt, erhält der 
gelbe Hintergrund selbst einen grünlichen Schimmer. Jede inducirende 
Farbe wird somit durch diejenige, auf welche sie inducirend wirkt, immer 
zugleich selbst inducirt. Wir können uns diesen wechselseitigen Einfluss 
beim Contraste am einfachsten veranschaulichen, wenn wir zwei Farben¬ 
kreise concentrisch zu einander construiren, beide aber um 360° gegen 
einander gedreht denken, so dass jeder Farbe am einen Kreise die Com- 
plementärfarbe am andern entspricht (Fig. 134) 1). Denken wir uns nun 
die eine der einander inducirenden Farben durch ein Segment des inneren 
Ki *eises repräsentirt, so . geben die zusammentreffenden Segmente des 
äußeren und inneren Kreises immer die Richtung der Veränderung an. 
Wählen wir z. B. Grün auf rothem Grunde, so bedeutet dies, da Grün 
mit Purpur, Roth mit Blaugrün zusammenfällt, dass das Grün so modificirt 
ist, als wenn ihm Blaugrün, das Roth so, als wenn ihm Purpur beigemischt 
4) A. Rollett, Wiener Sitzungsberichte. März 4S67.
        

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