Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

Lichtempfin düngen. 
473 
relativ unermüdete Stelle der Netzhaut. Sobald aber, wie in diesem 
Fall, zugleich das Verhältniss der Empfindung zu den Empfindungen der 
umgebenden Theile in Betracht kommt, mengen sich die unten zu erör¬ 
ternden Contrasterscheinungen ein. 
In den ersten Augenblicken nach einem stattgehabten Eindruck tritt 
das complementäre Nachbild nicht sogleich in seiner vollen Stärke hervor, 
weil die Erregung der Netzhaut den Reiz überdauert, so dass eine Em¬ 
pfindung von gleicher Beschaffenheit, ein gleichfarbiges Nachbild, 
zurückbleibt. Dieses letztere ist namentlich dann deutlich zu beobachten, 
wenn der Lichteindruck nur während einer kurzen Zeit stattfand : das 
gleichfarbige Nachbild vergeht in diesem Falle oft, ohne von einem deutlich 
wahrnehmbaren complementären gefolgt zu sein. Hat dagegen der Reiz 
länger eingewirkt, so bemerkt man zuerst das gleichfarbige und dann das 
complementäre Nachbild. Der Uebergang des einen in das andere wird 
beschleunigt, wenn der nachfolgende Lichteindruck eine bedeutende Hellig¬ 
keit besitzt. Am deutlichsten und dauerndsten sind daher die gleich¬ 
farbigen Nachbilder im dunkeln Gesichtsfeld des geschlossenen Auges; 
doch geschieht auch hier jener Uebergang, indem die schwache Hellig¬ 
keit des dunkeln Gesichtsfeldes immerhin analog einem äußeren Lichtreize 
wirkt. 
Das complementäre Nachbild einer Farbe ist entweder positiv oder 
negativ. Positiv nennt man dasselbe, wenn es in scheinbar gleicher 
oder sogar größerer Helligkeit wie der ursprüngliche Eindruck, negativ, 
wenn es in verminderter Helligkeit gesehen wird. Bei weitem am häufig¬ 
sten ist es negativ, erscheint also dunkler als das Object. Dies erklärt 
sich unmittelbar aus der Ermüdung oder, wie wir es mit Rücksicht auf 
unsere Darstellung des Farbensystems ausdrücken können, daraus dass die 
Empfindung in Folge der abgestumpften Reizbarkeit dem Pol des Schwarz 
auf der Farbenkugel sich nähert. Positive complementäre Nachbilder 
kommen vorzugsweise dann vor, wenn die Nachbilder von Objecten im 
dunkeln Gesichtsfelde beobachtet werden1). Betrachtet man z. B. eine 
helle Flamme durch ein rothes Glas lange genug, damit das gleichfarbige 
Nachbild nicht auftreten kann, und schließt man nun das Auge, so er¬ 
scheint in dem dunkeln Grund des Gesichtsfeldes ein außerordentlich in¬ 
tensiv grünes Nachbild der Flamme. Oeffnet man das Auge und sieht 
auf eine weiße Fläche, so wird das Nachbild augenblicklich verdunkelt. 
I ) Brücke, Denkschriften der Wiener Akademie, III, S. 95, und Moleschott’s Unter¬ 
suchungen, IX, S. 13. Helmholtz, Physiol. Optik, S. 384. Eine Erklärung der positiv 
complementären Nachbilder hat Brücke, •der sie hauptsächlich studirte, nicht gegeben. 
Helmholtz hielt sie für eine Mischerscheinung, welche beim Wechsel des gleichfarbigen 
und des gewöhnlichen negativ complementären Nachbildes entstehe.
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.