Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

Schallempfindungen. 
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wollen, um Vermengungen dieser Art möglichst vorzubeugen, auf jene 
Störungen des Zusammenklanges, welche durch die Schwebungen, also 
durch Intermissionen der Empfindung verursacht sind, den Ausdruck 
Rauhigkeit des Klangs anwenden. Dissonant nennen wir dagegen 
alle Klänge, welche keine für unser Gehör wahrnehmbaren Theiltöne mit 
einander gemein haben, während wir die Bezeichnung der Consonanz 
für jene Fälle anwenden, wo eine gewisse Zahl von Theiltönen mehrerer 
Klänge zusammenfällt. Die Begriffe der Bauhigkeit, der Consonanz und der 
Harmonie sind fast immer mit einander vermengt worden, und besonders 
Helmholtz hat die Identität der beiden letzten Begriffe zu begründen ge¬ 
sucht, indem er die Dissonanz aus den Schwebungen, also aus dem was 
wir Bauhigkeit genannt haben, ableitete, und den Begriff der Harmonie 
im Grunde nur negativ, als fehlende Dissonanz, bestimmte1). Die Rauhig¬ 
keit kann unter Umständen den störenden Eindruck der Dissonanz ver¬ 
stärken, aber es kann Dissonanz ohne Rauhigkeit und bis zu einem 
gewissen Grade sogar Rauhigkeit ohne Dissonanz bestehen. Die größere 
oder geringere Rauhigkeit eines Zusammenklanges ist eine der Empfin¬ 
dungsqualität unmittelbar zugehörige Eigenschaft. Die Consonanz da¬ 
gegen beruht, da sie von der Auffassung der verwandten oder disparaten 
Beschaffenheit der Klänge ausgeht, auf einem Act der Verbindung der 
Empfindungen, sie fällt deshalb nicht der reinen Empfindung sondern 
der Vorstellung zu2). Davon dass Töne dissonant sein können, ohne eine 
Spur von Rauhigkeit zu zeigen, überzeugt man sich am besten an den 
einfachen Klängen auf Resonanzkästen aufgesetzter Stimmgabeln, weil 
hierbei die Schwebungen von Obertönen vermieden werden. In den mitt¬ 
leren und höheren Lagen der musikalischen Scala ist es leicht, solchen 
Gabeln eine Schwingungsdifferenz zu geben, bei der die Interferenzen der 
Töne viel zu rasch auf einander folgen, als dass Schwebungen wahr¬ 
genommen werden könnten. Trotzdem bleibt der störende Eindruck der 
dissonanten Intervalle bestehen3). Anderseits kann man aber auch 
1) Auf dieser Verwechslung beruht, wie ich glaube, die oben erwähnte Angabe 
von Helmholtz, der viele andere Beobachter sich angeschlossen haben, dass wir bis zu 
132 Intermissionen des Tons in der Secunde noch wahrnehmen können. Beginnt man 
auf den mittleren und höheren Stufen der musikalischen Scala mit dem Einklang zweier 
Töne, und verstimmt man dann den einen mehr und mehr, so nimmt die durch die 
Schwebungen verursachte Rauhigkeit des Tons allmählich zu und dann rasch wieder 
ab, worauf bald beide Töne wieder continuirlich neben einander klingen. Aber die 
Dissonanz dauert fort und verschwindet erst, wenn ein durch Klangverwandtschaft 
ausgezeichnetes Intervall erreicht wurde. Es kann nun begegnen, dass man dieses Fort¬ 
bestehen der Dissonanz und Disharmonie auf eine Fortdauer der Rauhigkeit des Tons 
bezieht, 
2 Dasselbe gilt von der Harmonie und Disharmonie. Ueber deren Verhältniss 
zur Consonanz und Dissonanz vergl. den nächsten Abschnitt, Cap. XII, 4. 
3} Ich habe diese Versuche in folgender Weise ausgeführt. Von zwei gleich ab¬ 
gestimmten Stimmgabeln auf Resonanzkästen wurde die eine durch angeklebte kleine
	        
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