Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/415/
Empfindungen des Gefühlssinns. 
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und es bleibt daher ungewiss, welchen Antheil der gesammten Bewegungs¬ 
empfindung wir auf einen Reizungsvorgang im Muskel selbst, und welchen 
andern wir auf die Empfindung jenes centralen Impulses beziehen müssen. 
Anders ist dies in Zuständen vollständiger oder theilweiser Lähmung ein¬ 
zelner Muskeln. Der Paralytiker, der sein vollständig gelähmtes Bein 
aufzuheben sucht, hat eine Empfindung von Kraftanstrengung, obgleich 
alle jene Elemente der Bewegungsempfindung fehlen müssen, die in der 
Contraction der Muskeln, in den Verschiebungen und dem Druck der 
Hauttheile ihre Quelle haben. Am belehrendsten gestalten sich diese 
Erscheinungen im Gebiete der Augenmuskeln wegen der auffallenden 
Localisationsstörungen, die sie hier im Gefolge haben. Ist ein äußerer 
gerader Augenmuskel z. B. völlig gelähmt, so dass eine Auswärtsbewegung 
des betreffenden Auges nicht mehr möglich ist, so tritt, während vergebliche 
Innervationsanstrengungen erfolgen, statt der Bewegung des Auges eine 
scheinbare Auswärtsbewegung der Objecte ein: da das Auge 
selbst stille steht, so scheinen sich demgemäß die Gegenstände zu drehen, 
so wie sie sich gedreht haben müssten, wenn bei bewegtem Auge der 
fixirte Punkt constant geblieben wäre. Entsprechende Erscheinungen 
werden hei unvollständiger Lähmung beobachtet. Ein Kranker mit Parese 
des Abducens z. B., bei welchem das Auge der betreffenden Seite nur 
noch eine laterale Drehung von 20° zu erreichen vermag, verlegt ein 
Object, das in der Wirklichkeit von der Medianebene um 20 0 abw eicht, 
so w eit nach außen, wie es der äußersten Abductionsstellung des normalen 
Auges entsprechen würde, und aufgefordert das Object mit dem Zeige¬ 
finger der Hand zu berühren, zielt er wreit an demselben vorüber. Auf 
die Bewegungen des Auges der gesunden Seite können diese Localisations¬ 
störungen nicht zurückgeführt werden, da sich die Doppelbilder beider 
Augen getrennt von einander beobachten lassen und hierbei allein das 
dem gelähmten Auge angehörige Bild in der angegebenen Weise falsch 
localisirt wird1). 
Hiernach lässt sich jede Bewmgungsempfindung mit Wahrscheinlichkeit 
als eine Resultante aus Componenten von dreierlei Art betrachten, aus 
Druckempfindungen der Haut und der subcutanen Theile, aus Contractions- 
empfindungen der Muskeln und aus centralen Innervationsempfindungen. 
Unter normalen Verhältnissen ist natürlich eine Trennung dieser Com¬ 
ponenten niemals möglich, weil hier die centrale Innervation sofort auch 
den veränderten Zustand der Muskeln herbei führt. Aus den Erscheinun- 
1) A. y. Graefe. Symptomenlehre der Augenmuskellähmungen. Berlin 1867, S. 10, 
950. Alfr. Graefe, in Graefe und Saemjsch’s Handbuch der Augenheilkunde, VT, 1. 
S. 18, 37. Hinsichtlich der Bedeutung dieser Erscheinungen für die Entwicklung der 
Gesichtsvorstellungen vgl. Gap. XIII. 
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