Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/332/
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Entstehung und allgemeine Eigenschaften der Empfindungen. 
Fasern des Hörnerven anhängenden Endgebilde seien in der Weise ver¬ 
schieden abgestimmt, dass jeder einfache Ton immer nur bestimmte Nerven¬ 
fasern in Erregung versetze. Man hat früher in den Coim’schen Bogen 
solche abgestimmte Endapparate vermuthet1). Nachdem nachgewiesen ist, 
dass die Coim'schen Bogen gar nicht direct mit Nervenfasern Zusammen¬ 
hängen, und dass dieselben überdies in der Schnecke der Vögel und 
Amphibien ganz fehlen2), lässt sich diese Ansicht nicht mehr aufrecht er¬ 
halten. Von den Haarzellen, den wirklichen Endgebilden der Nerven¬ 
fasern, lässt sich aber wegen ihrer außerordentlich geringen Masse nicht 
annehmen, dass sie nur durch bestimmte Töne erregbar seien. Vielmehr 
werden die Cilien, sobald das Labvrinthwasser durch Seha 11schwin211 n2en 
in Bewegung geräth, dieser Bewegung folgen: es werden daher, wenn 
ein einfacher Ton in das Ohr dringt, alle Cilien mitschwingen, und eine 
zusammengesetzte Klangmasse wird dieselben ebenfalls in Schwingungen 
versetzen. Die Gehörsreizung, so weit sie durch die Haarzellen allein 
vermittelt wird, mag also bei verschiedenen Klängen zwar qualitativ ver¬ 
schiedene Empfindungen bewirken, aber zu einer Analyse derselben in 
ihre einfachen Bestandtheile liegt keinerlei Grund vor. Diese kann dem¬ 
nach nicht durch die Nervenendigungen selbst, sondern nur durch die in 
der Umgebung derselben auftretenden Theile zu Stande kommen. Die 
letzteren zeigen aber allein in der Schnecke eine solche Beschaffenheit, 
dass eine Anpassung an verschiedene Tonhöhen möglich ist, und zwar 
liegt es am nächsten hier an die Grundmembran zu denken, die, worauf 
Hevsen3) zuerst aufmerksam machte, an ihren verschiedenen Stellen eine 
hinreichend verschiedene Breite besitzt, uin eine Abstufung ihrer Ab¬ 
stimmung für alle dem menschlichen Ohr zugänglichen Tonhöhen an¬ 
nehmen zu lassen. Es nimmt nämlich von der Basis gegen die Spitze 
der Schnecke die Grundmembran in ihrem Querdurchmesser stetig zu, so 
dass sie am oberen Ende etwa 12 mal so breit ist als am unteren An¬ 
fang des Schneckencanals. Die einzelnen Theile derselben müssen sich 
demnach, da die Spannung der Membran in ihrer Länge verschwindend 
klein gegen die quere Spannung zu sein scheint, wie Saiten von ver¬ 
schiedener Länge verhalten, indem die breiteren Theile auf tiefere, die 
schmäleren auf höhere Töne abgestimmt sind. Zweifelhafter ist die Bolle 
der CoRTi’schen Bogen. Vielleicht sind sie, ähnlich den Otolithen in den 
1) Heuiholtz in den zwei ersten Ausgaben seiner Lehre von den Tonempfindungen. 
In der dritten (S. 229) hat er sich der HENSEVschon Hypothese angeschlossen, dass die 
Grundmembran je nach der verschiedenen Breite ihrer Abschnitte auf verschiedene 
Töne abgestimmt sei. Siehe unten. 
2) Hasse, Zeitschr. f. wissensch. Zoologie XVII, S. 56, 461, XVIII, S. 72, 359. 
3) Zeitschr. f. wissensch. Zoologie XIII, S. 481.
        

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