Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/310/
298 Entstehung und allgemeine Eigenschaften der Empfindungen. 
Bei der Gleichartigkeit des Protoplasmas werden hier die Empfindungen 
als höchst gleichförmige yorauszusetzen sein, und wir werden annehmen 
dürfen, dass diejenigen äußeren Reize, welche die Bewegungen des Proto¬ 
plasmas anregen, zugleich die Bedeutung von Sinnesreizen besitzen. Dies 
sind unter den normalen Lebens Verhältnissen der Protozoen die Druck-, 
Temperatur- und Lichtreize. Die beiden ersteren können nicht nur auf 
die Tastoberfläche des Thieres sondern auf dessen ganze Leibesmasse ein¬ 
wirken; die Tast- und Gemeinempfindungen scheinen also noch ungetrennt 
zu sein, wogegen Druck und Temperatur bei der großen Verschiedenheit 
der Bewegungen, die sie am Protoplasma verursachen, hier schon zu 
disparaten Empfindungen Anlass geben dürften. Da die thermische Reizung 
sichtlich mit einer tiefer greifenden chemischen Veränderung der con¬ 
traction Substanz verbunden ist als die mechanische, so liegt es nahe 
in dieser doppelten Reizbarkeit des Protoplasmas die Grundlage zu ver- 
muthen, von welcher die Entwicklung der mechanischen und der chemi¬ 
schen Sinne ausgeht. Auch chemische und elektrische Reize wirken auf 
die Protoplasmabewegungen ein. Doch gehören dieselben jedenfalls nicht 
zu den gewöhnlichen Lebensreizen, und es ist zweifelhaft, ob sie andere 
als Druck- und Temperaturempfindungen veranlassen. Am ehesten könnte 
man annehmen, dass chemische Veränderungen der umgebenden Flüssig¬ 
keit, welche die Diffusionsbedingungen für die oberflächlichen Schichten 
der contractilen Substanz verändern, in eigentümlicher Weise empfanden 
werden, worin ein primitives Aequivalent für die spätere Entwicklung 
der Geschmacks- und Geruchsempfindungen zu sehen wäre. Das Licht 
wirkt bei den niedersten Protozoen ebenfalls auf das ganze Tastorgan; 
doch lässt sich die Annahme nicht abweisen, dass die Pigmentflecken an 
der Körperoberfläche bei manchen Infusorien Vorrichtungen zum Behuf 
der Lichtabsorption darstellen, welche das umgebende Protoplasma für 
Licht empfindlicher machen und auf diese Weise als einfachste Sehorgane 
zu deuten sind. 
Die aus der Beobachtung der niedersten Organismen gewonnene An¬ 
schauung, dass alle Sinnesempfindungen in dem Gefühlssinn ihre gemein¬ 
same Grundlage haben, findet ihre Bestätigung durch die Entwicklungs¬ 
geschichte des Sinnesorgane. Die letztere zeigt, dass die speci- 
fischen Sinnesapparate von den niedersten Organismen bis herauf zu dem 
Menschen aus der äußern Körperbedeckung hervorgehen. Diese Entwick¬ 
lung selbst lässt sich aber in zweierlei Vorgänge zerlegen: I) in die Ver¬ 
vollkommnung des allgemeinen Tastorgans durch die Ausbildung besonderer 
Tastapparate, und 2) in die Ausbildung specifischer Sinneswerkzeuge. 
Durch die erste dieser Entwicklungen werden einzelne Theile des Tast- 
organs empfindlicher für die allgemeinen Tastreize, durch die zweite er-
        

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