Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/309/
Entwicklung der Sinnesfunctionen. 
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2) in die Empfindungen der chemischen Sinne; so wollen wir 
diejenigen Sinne nennen, bei denen keinerlei Correspondent zwischen 
der physikalischen und physiologischen Reizform existirt, und wo da¬ 
her eine tiefer greifende chemische Transformation wahrscheinlich ist : 
Temperatursinn, Geruchs- und "Geschmackssinn, [Gesichts¬ 
sinn. 
Durch diese Bezeichnungen soll nicht ausgeschlossen sein, dass nicht 
auch bei den mechanischen Sinnen chemische Vorgänge sich an der phy¬ 
siologischen Reizung betheiligen. Einen principiellen Unterschied bezeichnen 
ja die Ausdrücke mechanisch und chemisch ohnehin nicht, da auch die 
chemischen Vorgänge schließlich als BewegungsVorgänge aufzufassen sind. 
Insbesondere aber die Reizungsvorgänge in den Sinnesnerven und Sinnes- 
centren sind, wie wir in Gap. VI gesehen haben, höchst wahrscheinlich 
durchgängig chemische Processe. Zunächst soll also jene Unterscheidung 
nur andeuten, inwiefern die mechanischen Eigenschaften der äußern Reiz¬ 
form noch bei der physiologischen Reizung erhalten bleiben oder nicht. 
Daneben weisen aber allerdings auch die Structurverhältnisse einzelner 
Sinnesorgane, namentlich des Hör- und Sehorgans, darauf hin, dass bei 
den mechanischen Sinnen der äußere Sinnesapparat die physikalische Be¬ 
wegung in möglichst unveränderter Form auf die Sinnesnerven überträgt, 
während bei den chemischen Sinnen schon in den Sinnesepithelien eine 
Umwandlung in chemische Molecularbewegungen stattfindet. Den Unter¬ 
schieden der äußeren Sinnesorgane sind daher jene Bezeichnungen haupt¬ 
sächlich entnommen, indem wir auf dieselben die Ansicht gründen, dass 
bei den mechanischen Sinnen das äußere Sinnesorgan eine mechanische, 
bei den chemischen Sinnen dagegen eine chemische Leistung vollführt. 
3. Entwicklung der Sinnesfunctionen. 
Unsere Kenntniss der Sinnesfunctionen im Thierreich stützt sich haupt¬ 
sächlich auf die anatomische Vergleichung der äußern Sinnesapparate, nur 
zu einem sehr geringen Theil auf die Beobachtung des Verhaltens der Thiere 
gegenüber den Sinnesreizen. Jene Vergleichung lässt aber keinen Zweifel 
daran zu, dass die Empfindungen der höheren Organismen aus einer Diffe- 
renzirung ursprünglich gleichförmiger Sinneserregungen hervorgehen. Die 
Functionen des Gefühlssinns, die Tast-, Temperatur- und Gemein¬ 
empfindungen, erscheinen hierbei als der gemeinsame Ausgangspunkt der 
Entwicklung. Schon früher wurde bemerkt, dass bei jenen niedersten 
Wesen, deren Leibesmasse aus Protoplasma besteht, sichtlich diese con¬ 
tractile Substanz zugleich der Sitz der Empfindungen ist (S. 27, Fig. 2).
        

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