Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

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Entstehung und allgemeine Eigenschaften der Empfindungen. 
mehr der Fall, wenn man damit die Annahme verbindet, die Verschieden¬ 
heit der Empfindung sei durch specifisch verschiedene physiologische Eigen¬ 
schaften der Sinnesnerven verursacht, eine Annahme, welche der vorzugs¬ 
weise durch J. Müller ausgebildeten Lehre von den spezifischen Energien 
zu Grunde liegt1). Eine unter den fünf Sinnesflächen des Körpers, die 
äußere Haut oder das Tastorgan, besitzt, theils wegen ihrer Ausdehnung 
über den ganzen Körper, theils als die wahrscheinlich gemeinsame Grund¬ 
lage für die Entwicklung aller Sinnesfunctionen, gegenüber den vier 
Specialsinnen den Charakter eines allgemeinen Sinnesorgans. 
Die Druck- und Wärmeempfindungen der äußeren Haut sind überdies 
den Organempfindungen verwandt. Auch diese besitzen den Charakter 
unbestimmter Druck- und Wärmeempfindungen, und bei größerer Inten¬ 
sität gleichen sie den Schmerzempfindungen des Tastorgans. Wegen 
dieser Beziehungen w7erden die Tast- und Gemeinempfindungen unter 
der Bezeichnung des Gefühlssinnes zusammengefasst2), ein Ausdruck, 
der außerdem auf die Intensität des Gefühlstones dieser Empfindungen 
hinweist. 
An den Sinnesreizen unterscheiden wrir, wie an jedem Bewegungs¬ 
vorgang, Form und Stärke der Bewegungen. Von der Form der Be¬ 
wegung ist die Qualität, von der Stärke die Intensität der Empfin¬ 
dung abhängig, während der Gefühlston sowohl von der Qualität wie 
von der Intensität der Empfindung, mittelbar also von der Form und 
Stärke der Beize gleichzeitig bestimmt wird. Den größeren Unterschieden 
in der Form der Reizung entsprechen verschiedenartige oder dis¬ 
parate, den geringeren gleichartige Empfindungen. Allgemein nen¬ 
nen wir disparat solche Empfindungen, zwischen denen keine stetigen 
Uebergänge Vorkommen, und die daher für uns unvergleichbar sind. Dis¬ 
parat sind daher die Empfindungen verschiedener Sinne, wie Licht-, Schall-, 
Geschmacksempfindungen. Dagegen sind die Empfindungen je eines ein¬ 
zelnen Sinnes meistens gleichartig, insofern man durch stetige Abstufun¬ 
gen des Reizes von jeder beliebigen Empfindung zu jeder beliebigen 
andern in continuirlichem Uebergänge gelangen kann. Nur der allgemeine 
Sinn, der Gefühlssinn, besitzt zw7ei verschiedenartige Empfindungscjuali- 
täten, die Druck- und die Temperaturempfindungen, daher man ihn wieder 
in einen Druck- und Temperatursinn zerlegen kann. Die äußere 
Bedingung dieser Verhältnisse liegt theils in der Beschaffenheit der Sinnes¬ 
reize, theils in der verschiedenartigen Structur der Sinnesorgane. Unter 
den vielgestaltigen Bewegungsformen der äußeren Natur ist nur eine be¬ 
ll Vgl. Gap. V, S. 221 ff. und unten No. 4. 
2} J. Müller, Handbuch der Physiologie, II. Coblenz 1 840, S. 275.
	        
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