Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/302/
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Entstehung und allgemeine Eigenschaften der Empfindungen. 
Empfindung hat gewisse Eigenschaften, in welchen der Grund ihrer Unter¬ 
scheidung von andern Empfindungen liegen muss. Verschiedene Empfin¬ 
dungen unterscheiden sich entweder durch ihre Qualität, oder bei 
übereinstimmender Qualität kann ihre Intensität verschieden sein. Beide 
Eigenschaften sind aber nicht getrennt von einander zu denken. Die Qua- 
lität muss eine gewisse Intensität besitzen, damit sie überhaupt empfind- 
bar sei, und die Intensität muss auf irgend eine Qualität sich beziehen. 
Zweifelhafter verhält es sich mit einer dritten Eigenschaft der Empfin¬ 
dung. welche man als den Gefühlston derselben bezeichnen kann. En- 
bestritten ist es, dass zahlreiche Empfindungen uns angenehm oder un¬ 
angenehmer regen. Wir unterscheiden daher Lust- und Unlustgefühle 
der Empfindung. Bald bezweifelt man nun aber, dass alle Empfindungen 
von Gefühlen begleitet seien, bald bestreitet man umgekehrt, dass jedes 
Gefühl an eine Empfindung gebunden sein müsse. Im ersten Fall spricht 
man von gefühlsfreien Empfindungen, im zweiten setzt man em¬ 
pfindungsfreie Gefühle voraus. Es kann später erst auf diese Streit¬ 
punkte eingegangen werden : vorläufig sei daher nur folgendes bemerkt. 
Die Existenz gefühlsfreier Empfindungen 1^ ^ ^ d ^ ^ f ff f c , 
fühlston als eine regelmäßige Eigenschaft der Empfindung vorauszusetzen, 
sobald man erwägt, dass Lust und Unlust entgegengesetzte Zustände sind, 
deren jeder in seiner Stärke stetig sich abstuft, und die durch einen 
Indifferenzpunkt in einander übergehen. Diese gesetzmäßige Beziehung 
enthält eben an und für sich schon die Thatsache, dass in einzelnen Fällen 
der Gefühlston null oder verschwindend klein ist. Die Annahme empfin¬ 
dungsfreier Gefühle aber dürfte nur auf einer veränderten Definition der 
Begriffe Empfindung und Gefühl beruhen und daher eine thatsächliche 
Bedeutung nicht besitzen. Bei dieser Annahme verlegt man nämlich die 
Qualität und Stärke der Empfindung unmittelbar in das Gefühl. Der Unter¬ 
schied liegt also nur darin, dass man hier die gefühlsstarken Empfin¬ 
dungen nicht Empfindungen sondern Gefühle nennt. Dem gegenüber 
schließt die Unterscheidung jener drei Eigenschaften die Voraussetzung 
ein, dass dieselben zwar in keiner Weise jemals getrennt von einander 
Vorkommen können, dass ihre Trennung aber eine durch den V echsel der 
Empfindungen nothwendig werdende Abstraction ist. 
Hierin unterscheidet sich wesentlich eine vierte Eigenschaft, die man 
zuweilen noch der Empfindung beigelegt hat, nämlich die locale Be¬ 
ziehung derselben. Sie findet sich allein als regelmäßiger Bestandtheil 
der Tast- und Gesichtsempfindungen; mit den übrigen Sinnesempfindungen 
verbindet sie sich nur dann, wenn denselben Tast- oder Gesichtsvorstel¬ 
lungen beigemengt sind. Bei den Tast- und Gesichtsempfindungen aber 
wird durch die locale Beziehung offenbar zugleich die Verknüpfung einer
        

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