Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/250/
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Physiologische Function der Centraltheile. 
Die von dem Apperceptionsorgan ausgehenden Leitungsbahnen sind in jeder 
der beiden Hauptrichtungen, die wir annehmen, der centrifugal-sensorischen 
und der centrifugal-motorischen, ebensowohl unmittelbar mit den Sinnescentren 
(SG, HC) und den motorischen Centren (MC) verbunden als auch mittelbar, 
durch intermediäre Centren, welche für gewisse complexe Functionen Knoten¬ 
punkte der Leitung darstellen. Diese Rolle werden wir z. B. innerhalb der 
zentrifugal-sensorischen Bahn dem optischen und akustischen Wortcentrum 
(0 und A), innerhalb der motorischen dem Centrum des Schreibens und der 
Wortarticulation [B und L) zuweisen müssen. Dabei betrachten w7ir jedoch die 
letztgenannten Centren nicht als selbständige Erzeuger der ihnen gewöhnlich 
zugeschriebenen Functionen, sondern in dem schon früher angedeuteten Sinne 
als nothwendige Zwischenglieder in dem Mechanismus der sprachlichen Apper¬ 
zeptionen. Die physiologische Bedeutung derselben wird man sich etwa ver¬ 
anschaulichen können, indem man sich denkt, dass, sobald verschiedene dem 
Gebiet der Sprache zugehörige Empfindungen in den eigentlichen Sinnescentren 
SG, HC entstehen, die entsprechenden Erregungen in den sensorischen Zwi- 
schencentren 0 und A zu einem einheitlichen Erregungsvorgang verbunden wer¬ 
den, worauf dann die appercipirende Erregung sowohl diesen wie die in den 
Centren SG und HC stattfindenden primären Erregungen verstärken kann. Den 
Vorgängen in 0 und A würde die Bedeutung von Signalen zugeschrieben w erden 
können, insofern diese intermediären Centren der functioneilen Zusammenfassung 
der gewohnheitsmäßig verbundenen Laut- und Schriftbilder entsprechen. Natür¬ 
lich sind diese Signale wiederum nicht als Spuren anzusehen, die an gewissen 
Zellen unveränderlich festhaften, sondern als vergängliche Processe, so gut wie 
die Beizungsvorgänge in den peripherischen Sinnesorganen, welche aber, wie 
alle Vorgänge in der centralen Nervensubstanz, eine Disposition zu ihrer Wieder¬ 
erneuerung zurücklassen. Eine ähnliche Function wird den motorischen Zwischen¬ 
zentren B und L beizulegen sein, in welchen entweder ein Apperceptions- und 
Willensact (auf den Wegen gfrs, y epp o) Bewegungen erzeugt, die den von 0 und 
A (durch ek, sz) zugeleiteten Signalen entsprechen, oder in denen eine unmit¬ 
telbare Einwirkung der Schrift- und Wortsignale (auf den Wegen ef\ sp) ohne 
Betheiligung des Apperceptionsorgans, also unwillkürlich die entsprechenden 
motorischen Erregungen auslöst. Diese werden dann in allen Fällen (auf den 
Wegen frs, cp pa) den allgemeinen motorischen Centren MC zugeleitet, um von 
ihnen aus erst in die weitere Nervenleitung zu den Muskeln iiberzugehen. 
In dem hypothetischen Schema der Fig. 76, welches die hier geltend ge¬ 
machten Anschauungen hauptsächlich in ihrer Anwendung auf die bei der 
Sprache wirksamen Centren versinnlichen soll, sind die centripetalleitenden 
Bahnen sowie die Verbindungsbahnen zwischen gleichgeordneten Centren durch 
ausgezogene, die centrifugalleitenden Bahnen durch unterbrochene Linien dar¬ 
gestellt. Nehmen war nun an, es wirkten, zugeleitet in dem Sehnerven S, 
eine Reihe von Eindrücken auf das Sehcentrum SG, so sind folgende Haupt¬ 
fälle möglich: \) Die Eindrücke werden nicht weiter geleitet: dann bleiben 
die Empfindungen im Zustande der bloßen Perception oder undeutlichen Wahr¬ 
nehmung. 2) Einem einzelnen Eindruck a, w elcher durch die auf den Wegen 
anzunehmen sein, dass das Apperceptionscentrum mit den motorischen Centren durch 
die sog. peripherische Region, mit den Sinnescentren durch die centrale Region der 
zentralen Elemente verbunden sei. (Fig. 88 ebend.)
        

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