Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/238/
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Physiologische Function der Centraltheile. 
Substanz sich vermindern müsse. Uebrigens scheint die Vergleichung 
der Gehirnversuche bei verschiedenen Thieren und der pathologischen 
Beobachtungen am Menschen zu lehren, dass der Umfang, in welchem 
Stellvertretungen stattfinden können, in hohem Grade von der speciellen 
Organisation des Gehirns abhängig ist. Während man bei Fröschen und 
Vögeln sofort nach der Wegnahme beträchtlicher Hirnmassen zwar eine 
Trägheit aller Functionen, aber nirgends eine bestimmte Lähmung der 
Empfindung oder Bewegung wahrnimmt, schwinden beim Hunde erst nach 
längerer Zeit die anfänglich bestehenden speciellen Ausfallssymptome. 
Beim Menschen aber scheinen die letzteren, falls die Verletzung einen 
erheblicheren Umfang erreicht, überhaupt niemals zu schwinden, oder 
höchstens dann, wenn die Verletzung in der frühesten Lebenszeit erfolgt 
ist1). Beim Erwachsenen ist, wie es scheint, kein Fall zur Beobachtung 
gekommen, in welchem nach einer umfangreichen Zerstörung der centro- 
motorischen Zone eine vollständige Beseitigung der Paralyse erfolgt wäre. 
Es ist also wohl nicht daran zu zweifeln, dass mit der steigenden Ent¬ 
wicklung des Hirnbaues die functionelle Sonderung der Theile zunimmt, 
und dass damit zugleich die Möglichkeit einer Stellvertretung in engere 
Grenzen eingeschränkt wird. Auch während der individuellen Entwicklung 
scheinen sich diese Verhältnisse geltend zu machen. Abgesehen von den 
oben berührten pathologischen Erfahrungen, nach denen beim Menschen 
Verletzungen, die in den ersten Lebensjahren geschehen, leichter sich 
ausgleichen, dürfte in diesem Sinne auch die Beobachtung von Solimann 
zu deuten sein, dass die Exstirpation der motorischen Rindencentren 
bei neugeborenen Hunden keine merklichen Bewegungsstörungen nach 
sich zieht2). 
Ebenso unhaltbar wie die Annahme einer gleichförmigen Betheiligung 
des Gehirns an allen seinen Leistungen ist nun aber eine Hypothese, zu 
welcher die entgegengesetzte Voraussetzung der strengen Localisation der 
Functionen geführt hat, und welche darin besteht, dass man in der Hirn¬ 
rinde Elemente voraussetzt, welche in ihrer Function vollständig einzelnen 
peripherischen Nervenfasern und ihren Endigungen entsprechen sollen, 
so dass also z. B. eine Sehfläche im Centralorgan existire, welche der Fläche 
der Retina durchaus äquivalent sei. Um gleichwohl auch über den Ein¬ 
fluss des Gehirns auf die psychischen Functionen Rechenschaft zu geben, 
bleibt dann nichts übrig, als neben diesen einfachen Elementen solche 
\ ) Ygl. Fermer, Localisation der Hirnerkrankungen, S. 86. 
2) Soltmann, Jahrb. f. Kinderheilkunde. N. F. IX, S. \ 06. Die gleichzeitig gefun¬ 
dene Wirkungslosigkeit elektrischer Reizung der Hirnrinde bei neugeborenen Thieren 
konnte von andern Beobachtern nicht bestätigt werden. Vgl. Pa net h. Pflüger's Archiv 
XXXVII, S. 202.
        

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