Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/218/
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Physiologische Function der Centraltheile. 
seine falschen Bewegungen, und es lernt so allmählich die Störungen des 
niedrigeren Centralorgans durch das höhere compensiren. 
Die in die Sehhügel eintretenden motorischen Bahnen erfahren, wie 
früher erwähnt wurde, beim Menschen und bei den Thieren nur theil - 
weise Kreuzungen. Auch auf diese physiologische Thatsache wirft die 
angenommene Function des Sehhügels ein gewisses Licht. Wenn wir die 
wahrscheinliche Bedeutung der partiellen Kreuzungen überhaupt darin 
erkannten, dass durch sie verschiedenartige Muskelgruppen beider Körper¬ 
hälften zu gemeinsamen Functionsherden geführt werden, so wird dies 
vor allem für jene Centraltheile gelten, welche unabhängig vom Willen 
in Wirksamkeit treten können. Unter ihnen muss aber vorzugsweise 
das Reflexcentrum der Ortsbewegungen derartige Verbindungen erforder¬ 
lich machen. Aus den Verkrümmungen, welche die Theile nach ein¬ 
seitiger Sehhügelverletzung erfahren, lassen sich hier sogar die einzelnen 
Bahnen, welche sich kreuzen und nicht kreuzen, einigermaßen bestimmen. 
Bei den Säuaethieren sind wahrscheinlich die Rotatoren der Wirbelsäule 
sowie die Pronatoren (Vorwärtsdreher) und Beuger der Vorderextremität 
durch eine geradläufige, die Supinatoren (Rückwärtsdreher) und Strecker 
durch eine gekreuzte Bahn vertreten1). Rechts muss also das Centrum 
für die Beuger und Pronatoren der rechten, die Strecker und Supinatoren 
der linken Seite, links das Centrum für die Strecker und Supinatoren 
der linken, die Beuger und Pronatoren der rechten Seite gelegen sein. 
Für die Hinterextremität gelten wahrscheinlich dieselben Verhältnisse. Fin¬ 
det die Kreuzung durch die hintere Commissur statt, so sind demnach in 
dieser die Bahnen für die Strecker und Supinatoren zu vermuthen, während 
die Bahnen für die Beuger und Pronatoren sowie für die Muskeln des 
Halses und der Wirbelsäule in den geradläufigen Bahnen der Haube ver¬ 
laufen werden. Durchschneidung eines Sehhügels in seinem hinteren 
Theil bewirkt daher bei aufrechter Stellung statt des gewöhnlichen Gleich¬ 
gewichts der Muskelspannungen auf der gleichen Seite Auswärtsrollung, 
auf der entgegengesetzten Einwärtsrollung der Extremität und gleichzeitig 
eine Krümmung der Wirbelsäule nach der dem Schnitt entgegengesetzten 
Seite, nach welcher auch der Reitbahngang bei eintretender Ortsbewegung 
gerichtet ist2]. Diese Verkrümmungen treten aber, wie wir annehmen, 
1) Beugung und Pronation, Streckung und Supination sind nämlich im allgemei¬ 
nen an einander gebunden, theihveise sind sie sogar von den nämlichen Muskeln ab¬ 
hängig, so dass jedenfalls übereinstimmende Bahnen für dieselben vorausgesetzt werden 
müssen. 
2) Die Umkehrung des letzteren bei Verletzungen, die in den vordem Theil des 
Sehhügels fallen, steht zu der combinirten Wirkung der beiderseitigen Muskeln nicht 
in Beziehung, da sie nur in der wahrscheinlich am Boden der Sehhügel eintretenden 
Kreuzung der Bahnen für die Muskeln der Wirbelsäule, wodurch nun die Verkrümmung 
der letzteren eine der vorigen entgegengesetzte wird, ihren Grund hat. Leitet man die
        

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