Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

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Physiologische Function der Centraltheile. 
diese den reizbaren Hirnschenkel getroffen hat. also unter dem Einfluss der 
Reizung, zuweilen eine Bewegung entsteht, die jener gerade entgegengesetzt 
ist, welche später dauernd sich ausbildet, scheinen hier entscheidend. 
Dennoch lässt es sich leicht constatiren, dass von einer Aufhebung des 
Willenseinflusses nicht die Rede sein kann. Trotz der Bewegungsstörungen 
bleibt die willkürliche Innervation jedes einzelnen Muskels so lange möglich, 
als die vor dem Sehhügel gelegenen Hirntheile erhalten bleiben. Verletzt 
man aber beim Frosch, dessen Großhirnlappen entfernt wurden, so dass 
er keine willkürlichen Bewegungen mehr macht, den Thalamus oder den 
Zweihügel der einen Seite, so geschehen alle auf sensible Reizung ein¬ 
tretenden Fluchtbewegungen im Reitbahngang. Bei Säugethieren ist dieser 
Versuch meines Wissens nicht ausgeführt; doch behalten Kaninchen nach 
Wegnahme der Großhirnlappen und der Ganglien des Streifenhügels, so 
lange die Sehhügel erhalten bleiben, ihre normale Körperstellung bei und 
führen auf Reizung der Haut zweckmäßige und geordnete Fluchtbewegun¬ 
gen aus1). Diese Thatsachen beweisen offenbar, dass nicht diejenigen 
Bahnen, welche die Leitung der Willensimpulse zu den Muskeln vermitteln, 
in den Sehhügeln sich sammeln, sondern dass die letzteren im Gegentheil 
solche Centren der Locomotion sind, welche noch unabhängig vom Willen 
functioniren können, deren sich übrigens immerhin auch der Wille zur 
Hervorbringung gewisser combinirter Bewegungsformen bedienen mag. 
Zunächst sind es aber, wie es scheint, Tasteindrücke, welche die 
von den Sehhügeln ausgehende Erregung der loco motorischen Werkzeuge 
bestimmen. Hiernach dürfte die wahrscheinlichste Deutung, welche wir 
diesen Gebilden geben können, die sein, dass dieselben Bef lex centren 
des Tastsinns darstellen, in denen durch die Tasteindrücke sofort zu¬ 
sammengesetzte Körperbewegungen ausgelöst werden. Insbesondere machen 
es die umfangreichen Verbindungen des Sehhügels mit der Großhirnrinde 
wahrscheinlich, dass die von ihm ausgehenden zusammengesetzten Inner- 
vationen theils von höheren Centralgebieten erregt werden, theils aber auch 
auf die letzteren zurückwirken und so den Sehhügelreflexen einen Einfluss 
auf in der Rinde stattfindende Functionen verschaffen können. Die nach 
der Abtragung der höheren Hirntheile zurückbleibenden zusammengesetzten 
Reflexe werden daher auch nur als die Functionsreste zu betrachten 
sein, deren die Vier- und Sehhügelganglien nach der Lösung ihrer Be¬ 
ziehungen zur Großhirnrinde noch fähig bleiben2). 
1) Christiani a. a. O. S. 29. 
2) Schon in der ersten Auflage dieses Werkes (1S73) habe ich diese Auffassung 
von der Function der Sehhügel vertreten, dieselbe aber damals nur auf die Erschei¬ 
nungen nach der queren Durchschneidung stützen können. Seitdem ist Crichton Browne 
durch seine oben erwähnten klinischen Beobachtungen zu einer ähnlichen Anschauung 
gekommen, und selbst Nothnagel, der sich sonst noch allen derartigen Deutungen
	        
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