Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/199/
Rellevfunctionen. 
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Reflexcentreil dieses Centralorgans zu betrachten. Die complicirtere Be¬ 
schaffenheit seiner Reflexe scheint sich hinreichend aus den veränderten 
anatomischen Bedingungen jener Nervenkerne zu erklären. Indem die¬ 
selben im allgemeinen strenger von einander isolirt sind als die Ursprungs- 
centren der Rückenmarksnerven, dafür aber bestimmte Kerne durch be¬ 
sondere Centralfasern unter einander sowie mit bestimmten Fortsetzungen 
der Rückenmarksstränge näher verknüpft werden, erklärt sich wohl die in 
sich abgeschlossenere und deutlicher auf einen bestimmten Zweck ge¬ 
richtete Natur der Oblongatareflexe. Insoweit sich Rückenmarksfasern in 
größerer Zahl an den Reflexen der medulla oblongata betheiligen, ist es 
möglich, dass sich dieselben zunächst in grauer Substanz sammeln und 
dann erst von dieser aus mit den ihnen zugeordneten Nervenkernen in 
Verbindung treten. So werden also vielleicht die motorischen Respirations¬ 
fasern in einem besondern Ganglienkern gesammelt, der mit dem Vagus¬ 
kern in Verbindung steht. Manchen der zerstreuten grauen Massen in 
der reticular en Substanz könnte eine solche Bedeutung zukommen. Da¬ 
gegen ist es nicht wahrscheinlich, dass so complicirte Bewegungen wie 
die Athem-, Schluck- und mimischen Bewegungen je einen einzigen Gang¬ 
lienkern als ihnen eigenthümliches Reflexcentrum besitzen. Abgesehen 
nämlich davon, dass derartige Centren für complicirtere Reflexe nicht 
nachgewiesen werden konnten, widerstreitet die Natur jener Bewegungen 
selbst dieser Annahme. So müssen wir für die Alhembewegungen äugen- 
scheinlich zwei Reflexcentren voraussetzen, eines für die In-, ein anderes 
für die Exspiration. Gewisse mimische Bewegungen, wie Lachen, Weinen, 
erklären sich viel anschaulicher, wenn man eine Reflexverbindung an¬ 
nimmt, welche gewisse sensible Bahnen gleichzeitig mit den Respirations- 
centren und bestimmten Theilen des Facialiskernes verbindet, als wenn 
man ein besonderes Hülfseanelion statuirt, welches diese complicirten 
Bewegungen direct zur Ausführung bringt. Ebenso sind die Scliluckbe- 
wegungen, analog den Athembewegungen, aus dem Princip der Selbst¬ 
regulirung abzuleiten, indem man voraussetzt, dass der erste Bewegungs¬ 
act des ganzen Vorgangs zugleich den Reflexreiz für den nächsten, dieser 
für den weiter folgenden mit sich führt. 
Unter den vier sogenannten specifischen Sinnesreizen sind es haupt¬ 
sächlich zwei, die von sensibeln Nerven aus Reflexe vermitteln: die 
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Geschmackseindrücke und der Lichtreiz. Die ersteren stehen in Reflex¬ 
beziehung zu den Bewegungen des mimischen Ausdrucks, Reflexe, von 
denen einzelne sich, wie schon oben bemerkt wurde, leicht mit Athmungs- 
reflexen combiniren, woraus auf eine nähere Verbindung der entsprechen¬ 
den Reflexcentren geschlossen werden kann1). Der Lichtreiz verursacht 
1) Der Geschmack ist der einzige unter den sogenannten Specialsinnen, der an
        

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