Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/195/
Reflexfunctionen. 
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unter den einfachsten Bedingungen übergehen, wo sensible und motorische 
Nervenkerne nahe bei einander gelagert und durch Centralfasern ver¬ 
bunden sind. Diejenigen Theile des Centralorgans, aus welchen unmittel¬ 
bar einander zugeordnete Empfindungs- und Bewegungsnerven hervor¬ 
treten, also das Bückenmark und das verlängerte Mark, sind daher auch 
vorzugsweise der Sitz der Beflexaction. Wie das Rückenmark in seiner 
ganzen Länge ein gleichförmiges Ursprungsgesetz seiner Nerven zeigt, so 
verhalten sich die von demselben ausgehenden Reflexe gleichförmig, indem 
sie lediglich nach den früher erörterten Leitungsgesetzen mit wachsendem 
Reiz oder wachsender Reizbarkeit sich ausbreiten fS. 106). Von ver- 
wickelterer Beschaffenheit sind die Reflexe, welche dem verlängerten 
Mark angehören. Dieses Organ ist der Sitz einer Anzahl zusammengesetzter 
Reflexbewegungen, denen bei verschiedenen physiologischen Functionen 
eine wichtige Rolle zukommt. Hierher gehören namentlich die Bewegungen 
des Ein- und Ausathmens sowie einige mit ihnen nahe zusammenhängende 
Vorgänge, wie das Husten, Niesen, Erbrechen, ferner die Muskelwirkungen 
beim Schluckacte, die mimischen Bewegungen, die Herzbewegungen und 
die Gefäßinnervation. Viele dieser Reflexe stehen in inniger Wechsel¬ 
beziehung, worauf schon der Umstand hinweist, dass die peripherischen 
Bahnen für die verschiedenen Reflexe vielfach in den nämlichen Nerven- 
stämmen verlaufen. Einzelne der genannten Vorgänge, wie die Athmungs- 
und Herzbewegungen, erfolgen, weil sie gleichzeitig von andern Ursachen 
abhängen, auch dann noch, wenn die Reflexbahnen unterbrochen sind; die 
Vorgänge stehen daher in diesem Fall nur unter dem mitbestimmenden 
Einfluss des Reflexes. Andere, wie die Schluckbewegungen, scheinen reine 
Reflexe zu sein, indem sie durch Unterbrechung der sensibeln Leitung 
zu dem Reflexcentrum aufgehoben werden, auch wenn die motorische Lei¬ 
tung zu den Muskeln, welche der betreffenden Bewegung vorstehen, un¬ 
versehrt geblieben ist. Alle diese durch das verlängerte Mark vermittelten 
Reflexe unterscheiden sich von den Rückenmarksreflexen dadurch, dass die 
sensibeln Reize in der Regel sogleich auf eine größere Zahl motorischer 
Bahnen übergehen. Schon bei schwachen Reizen ist deshalb die Bewegung 
ausgebreiteter, indem entweder gleichzeitig oder successiv verschiedene 
Muskelgruppen in Action versetzt werden. Viele sind daher auch von 
vornherein bilateral, breiten sich nicht erst bei starken Reizen auf die an¬ 
dere Seite aus. So sind an den Athembewegungen, welche durch Er¬ 
regung der Lungenausbreitung des zehnten Hirnnerven ausgelöst werden, 
stets motorische Wurzeln betheiligt, die beiderseits aus der medulla ob- 
longata sowie aus dem Hals- und Brusttheil des Rückenmarks entspringen. 
Zugleich ist die Athembewegung das Beispiel eines Reflexes, welcher ver¬ 
möge einer Art von Selbststeuerung den Grund zu seiner fortwährenden
        

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