Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/187/
Leitungsbahnen zur Großhirnrinde. 
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Function. Die Sinnesstörungen endlich sind stets centralerer Art. Entweder 
bleibt die Empfindung, oder es bleibt doch eine Reactionsfähigkeit auf 
Sinneseindrücke erhalten. Am meisten verrathen sich diese Eigentüm¬ 
lichkeiten der centralen Störungen in den Erscheinungen der Aphasie, 
der Worttaubheit und Wortblindheit. Darum ist es nicht unwahrscheinlich, 
dass es sich in diesen Fällen um die Verletzung noch höherer Central¬ 
regionen handelt, in denen eine Sammlung der Leitungsbahnen verschie¬ 
dener Sinnesgebiete stattfindet, deren jedes wieder für sich in einem 
besonderen Rindencentrum vertreten ist. 
Bei der oben gegebenen Zusammenstellung der über die Leitungssysteme 
der Großhirnrinde bis jetzt gewonnenen Ergebnisse ist mit Rücksicht auf die 
Schwierigkeiten der Untersuchung der Grundsatz befolgt worden, dass nur die¬ 
jenigen Thatsachen als einigermaßen sichergestellt betrachtet werden dürfen, 
welche entweder von mehreren Beobachtern bestätigt sind, oder in Bezug auf 
welche die auf verschiedenen Wegen gewonnenen Resultate übereinstimmen. 
Die nämlichen Rücksichten sind bei der Deutung der Erscheinungen maßgebend 
gewesen. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass in Bezug auf die letz¬ 
tere namentlich zwischen den verschiedenen physiologischen Beobachtern nicht 
unerhebliche Differenzen bestehen. Zunächst haben die centromo torisch en 
Reiz- und Ausfallserscheinungen insofern eine von der oben gegebenen abwei¬ 
chende Deutung erfahren, als man dieselben ausschließlich auf die Tastem- 
pf indli chkeit bezog, und also in den betreffenden Stellen lediglich centro- 
sensorische Gebiete vermuthete. Diese Annahme wurde zuerst von Schiff l) 
ausgesprochen, welchem sich dann Meynert2) und Hermann Munk3) anschlossen. 
Von Schiff wurde namentlich hervorgehoben, dass die Reizbewegungen in der 
Aether- und Chloroformnarkose nicht eintreten. Hiergegen ist jedoch zu be¬ 
merken, dass gerade diese Anästhetica (verschieden von dem Morphium) auch 
auf die motorische Nervensubstanz einwirken, während anderseits die Reiz¬ 
symptome bei der Erregung sensorischer Rindenstellen sich meistens deutlich 
unterscheiden, so dass Fermer4) sich sogar der Reizung als diagnostischen 
Hülfsmittels für diesen Fall bedienen konnte, ein Verfahren, welches allerdings 
nur unter sorgfältiger Zuhülfenahme der Ausfallssymptome verwerthbar ist. 
Munk ist zu der Annahme ausschließlich sensorischer Functionen der Rinde 
durch die Beobachtung geführt worden, dass umfangreiche Rindenzerstörungen 
in den vorderen Hirntheilen Anästhesie im Gefolge haben. Doch beweist dies, 
wie schon oben bemerkt wurde, noch keineswegs, dass nicht in denselben 
Regionen, in unmittelbarer Nachbarschaft der Vertretungen für den Gefühls¬ 
sinn, die den gleichen Körpertheilen zugehörigen motorischen Stellen gelegen 
sein können. In der That scheint sich Munk s eigene Ansicht kaum wesent¬ 
lich hiervon zu entfernen. Er polemisirt dagegen, dass man den »Willen« loca- 
lisire, da wir in uns nur eine Bewegungsvorstellung wahrnehmen. Selbstver- 
1) Archiv f. experim. Pathologie III, 1874, S. 171. 
2) Meynert, Psychiatrie. Wien 1884, S. 14 5. 
3) Du Bois-Reymond’s Archiv f. Physiol. 1878, S. 171. Ueber die Functionen der 
Großhirnrinde S. 4 4 ff. 
4) Die Functionen des Gehirns, S. 161 f.
        

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