Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/17/
Aufgabe der physiologischen Psychologie. 
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einzudringen. Hierdurch wird es ihr gerade möglich das wirksamste Hülfs- 
mittel der erklärenden Naturforschung, die experimentelle Methode, 
zu Rathe zu ziehen. Denn das Wesen des Experimentes besteht in der 
willkürlichen und, sobald es sich um die Gewinnung gesetzlicher Be¬ 
ziehungen zwischen den Ursachen und ihren Wirkungen handelt, in der 
quantitativ bestimmbaren Veränderung der Bedingungen des Ge¬ 
schehens. Nun können aber, wenigstens mit einiger Sicherheit, nur die 
äußeren, physischen Bedingungen der inneren Vorgänge willkürlich ver¬ 
ändert werden. Nichtsdestoweniger würde man Unrecht thun, wollte man 
auf diesen Grund hin die Möglichkeit einer Experimentalpsychologie be¬ 
streiten; denn es ist zwar richtig, dass es nur psychophysische, keine rein 
psychologischen Experimente gibt, falls man nämlich unter den letzteren 
solche versteht, die von den äußeren Bedingungen des inneren Geschehens 
ganz absehen. Aber die Veränderung, die durch Variation einer Bedingung 
gesetzt wird, ist überall nicht bloß von der Natur der Bedingung, sondern 
auch von der des Bedingten abhängig. Die Veränderungen im inneren 
Geschehen, die man durch den Wechsel der äußeren Einflüsse, von denen 
es abhängt, herbeiführt, werden also ebendamit auch über das innere Ge¬ 
schehen selbst Aufschlüsse enthalten. In diesem Sinne ist jedes psycho¬ 
physische zugleich ein psychologisches Experiment zu nennen. 
Durch die Benutzung objectiver Hülfsmittel tritt die experimentelle 
Psychologie in nächste Beziehung zu einem andern wichtigen Zweige psycho¬ 
logischer Forschung, zur Völkerpsychologie. Während die Aufgabe jener 
die exacte Untersuchung des individuellen Bewusstseins ist, sucht diese 
die psychologischen Gesetze zu finden, denen die Erzeugnisse des geistigen 
Gesammtlebens, namentlich Sprache, Mythus und Sitte, unterworfen sind. 
Beide Gebiete objectiver Psychologie aber ergänzen sich nicht bloß, son¬ 
dern sie sind auch vielfach auf einander angewiesen. Denn das geistige 
Gesammtleben der Völker weist überall auf die individuellen Kräfte zu¬ 
rück, die in dasselbe eingehen, und das individuelle Bewusstsein ist, be¬ 
sonders in seinen höheren Entwicklungsformen, von dem geistigen Leben 
der Gesammtheit getragen, der es angehört. 
Nach den Hülfsmitteln, deren sie sich bedient, lässt sich hiernach 
die psychologische Forschung in folgende Zweige trennen: 
1) in die subjective Psychologie, welche sich auf die unmittel¬ 
bare innere Wahrnehmung beschränkt, und 
2) in die objective Psychologie, welche diese innere Wahrneh¬ 
mung durch objective Hülfsmittel theils zu ergänzen, theils zu vervoll¬ 
kommnen strebt. Sie zerfällt wieder : 
a) in die experimentelle oder physiologische Psychologie, 
welche die innere Wahrnehmung unter die Controlle der experimentellen
        

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