Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

Leitungsbahnen zur Großhirnrinde. 
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im Gefolge hat’). Mit diesen Ausdrücken sollen aber vorläufig weder 
Voraussetzungen über die Bedeutung jener Reizungs- und Ausfallserschei¬ 
nungen , noch solche über die Function der betreffenden Rindengebiete 
verbunden werden. Für die Beantwortung der hier allein zu erörtern¬ 
den Frage nach der Endigung der verschiedenen Leitungsbahnen in der 
Großhirnrinde kommt es ja zunächst nur darauf an, mit welchen peri¬ 
pherischen Körperorganen die einzelnen Regionen der Rinde in functio- 
neller Beziehung stehen, da im allgemeinen vorauszusetzen ist, dass solche 
Beziehung durch irgend welche Nervenleitung vermittelt werde. Wie aber 
derartige functioneile Beziehungen zu denken seien, und in welcher Weise 
dabei die verschiedenen Rindengebiete theils wechselseitig, theils mit den 
niedrigeren Centraltheilen Zusammenwirken, dies bleibt hier völlig außer 
Betracht. Als ein Gesichtspunkt, der auch für die Beurtheilung der Lei¬ 
tungsverhältnisse bedeutsam ist, mag jedoch schon hier hervorgehoben 
werden, dass mit Rücksicht auf die in den Centraltheilen vorliegenden 
verwickelten Verhältnisse von vornherein die Existenz mehrerer centro- 
motorischer Gebiete für eine und dieselbe Bewegung und mehrerer cen- 
trosensorischer für ein und dasselbe Sinnesorgan möglich, und dass die 
Existenz von Rindengebieten, die centromotorische und centrosensorische 
F’unctionen in sich vereinigen, keineswegs ausgeschlossen ist. Die Nach- 
weisun» von Reizungs- und Ausfallserscheinungen kann also immer nur 
andeuten , dass die betreffende Stelle der Rinde zu den Leitungsbahnen 
der entsprechenden Muskel- oder Sinnesgebiete in irgend einer Be¬ 
ziehung steht, über die Art dieser Beziehung werden aber nur auf 
Grund einer umfassenden Untersuchung der Gesammtheit centraler Func¬ 
tionen Vermuthungen möglich sein. Die hierauf bezüglichen Fragen sol¬ 
len darum erst im nächsten Capitel erörtert werden. 
Gegenüber den in dem verschlungenen Verlauf der Leitungswege und 
den ungemein complexen Verhältnissen der centralen Functionen begrün¬ 
deten Schwierigkeiten der Beurtheilung fällt nun um so mehr die ver¬ 
hältnismäßige Mangelhaftigkeit und Rohheit aller, auch der sorgfältigsten 
experimentellen Methoden in’s Gewicht. Bei den Reizungs versuchen ist 
es niemals möglich, den Reiz local so zu beschränken, wie es für die 
1) Ich vermeide liier die einfachen Bezeichnungen motorisch und sensorisch 
deshalb, damit von vornherein der wesentliche Unterschied, der hier gegenüber den 
Verhältnissen der Leitung in den peripherischen Nerven obwaltet, angedeutet werde; 
die mehrfach gebrauchten Ausdrücke psychomotorisch und psycho sensorisch 
scheinen mir ungeeignet, weil sie an eine Betheiligung des Bewusstseins oder der 
seelischen Functionen denken lassen, welche mindestens hypothetisch ist. Insbeson¬ 
dere kommt hier in Betracht, dass auch manche nicht in der Hirnrinde gelegene 
Centraltlieile, wie z. B. die Hirnganglien, ebenfalls in einem gewissen Grade jene Eigen¬ 
schaften besitzen, die wir in dem oben definirten Sinne als centromotorische und 
centrosensorische bezeichnen.
	        
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