Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5137/164/
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Verlauf der nervösen Leitungsbahnen. 
nen Leitungsbahnen im menschlichen Gehirn können nur pathologische Be¬ 
obachtungen einen gewissen Aufschluss geben. Die letzteren sind außer¬ 
dem dadurch von höherem Werthe, jdass bei ihnen das Verhalten der 
Empfindung einer sichereren Prüfung zugänglich ist; sie führen dagegen 
den Nachtheil mit sich, dass wegen der Seltenheit umschriebener Läsionen 
der Rinde und des Hirnmantels die Erfahrungen nur langsam gesammelt 
werden können. 
Die Versuche an Thieren zerfallen in zwei Classen: in Reiz¬ 
versuche und in Ausfallsversuche, wobei wir unter den letzteren 
alle diejenigen Experimente verstehen, bei denen es darauf abgesehen ist, 
die Function irgend eines Rindengebietes vorübergehend oder dauernd 
aufzuheben. Bei den Reizversuchen kommen als Reiz symptôme irgend 
welche Bewegungserscheinungen (Muskelzuckungen oder dauernde Con- 
tractionen) zur Beobachtung; den Ausfallsversuchen folgen Ausfalls¬ 
symptome, welche in der Form aufgehobener oder gestörter Bewegung 
und Empfindung sich darstellen. Zur Feststellung der Endigungen moto¬ 
rischer Leitungsbahnen kann man sich beider Versuchsweisen bedienen, 
während für die sensorischen Gebiete vorzugsweise die Ausfallsversuche 
gewählt werden müssen. Da nun aber in zahlreichen Theilen der Gro߬ 
hirnrinde intracentrale Bahnen aus dem Kleinhirn und den Hirnganglien 
endigen, welche erst nach sehr verwickelten Umwegen mit motorischen 
oder sensorischen Leitungsbahnen oder mit beiden in Verbindung stehen, 
so wird von vorn herein zu erwarten sein, dass nicht jede experimentelle 
oder pathologische Veränderung an einer begrenzten Stelle von merkbaren 
Symptomen gefolgt ist, und selbst wenn solche eintreten, werden im all¬ 
gemeinen nicht einfache Reizungs- und Lähmungserscheinungen, wie sie 
etwa bei der Erregung und Durchschneidung peripherischer Nerven ent¬ 
stehen. zur Beobachtung kommen. In der That bestätigt sich dies durch¬ 
aus in den Beobachtungen. An vielen Punkten verlaufen die Eingrifte 
symptomlos ; wo Erscheinungen eintreten, da besitzen die Muskelerregun¬ 
gen häufig den Charakter zusammengesetzter Bewegungen, die Ausfalls¬ 
symptome aber manifestiren sich in der Regel als bloße Störungen der 
Bewegung oder als unvollkommene sinnliche Wahrnehmungen, selten und 
immer nur bei ausgedehnteren Läsionen als vollständige Aufhebungen 
derselben. Demgemäß wollen wir hier, um diese Vieldeutigkeit der ex¬ 
perimentellen Erfolge an der Großhirnrinde schon im Ausdruck anzu¬ 
deuten, als centromotorische Rindenstellen lediglich solche be- 
zeichnen, deren Reizung Bewegungen bestimmter Muskeln oder Muskel¬ 
gruppen, und deren Ausrottung eine Störung dieser Bewegungen herbei¬ 
führt; centrosensorische Stellen sollen dagegen diejenigen genannt 
werden, deren Entfernung zweifellose Ausfallssymptome sensorischer Art
        

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