Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (1)

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Verlauf der nervösen Leitungsbahnen. 
3. Leitung in den peripherischen Nerven und im 
Rückenmark. 
Der Gedanke liegt nahe, die Erforschung der nervösen Leitungsbah¬ 
nen bei einem Endpunkte derselben anzufangen und von da zum andern 
Ende zu schreiten, indem man diejenige Richtung einhält, welche die ge¬ 
leiteten Vorgänge selber nehmen. Von diesen beginnen nun, wie oben 
bemerkt wurde, die einen in den peripherischen Organen und verlaufen 
centripetal zum Gehirn, die anderen gehen vom Centralorgane aus und 
eilen centrifugal nach der Peripherie des Körpers. Aber es würde offen¬ 
bar unzweckmäßig sein, dergestalt entgegengesetzte Ausgangspunkte für 
die verschiedenen Leitungswege zu benutzen, da diese doch an verschie¬ 
denen Stellen ihres Verlaufs in Reziehung zu einander stehen. So scheint 
es denn angemessen, hier überhaupt nicht ein physiologisches, sondern 
ein anatomisches Princip in den Vordergrund zu stellen und die Verfol¬ 
gung der Rahnen bei demjenigen Punkte ihres Verlaufs zu be¬ 
ginnen, wo dieselben am einfachsten angeordnet sind. Dieser 
fest bestimmte Punkt ist aber derjenige, wo die Nerven unmittelbar in 
der Form der so genannten Nervenwurzeln aus den Centralorganen 
hervortreten. Von da aus wollen wir die Leitungswege zuerst in die Pe- 
ripherie des Körpers, dann in die Centralorgane hinein verfolgen. 
Aus dem Rückenmark treten die Nervenwurzeln in zwei Längsreihen, 
einer hinteren und vorderen. Die hinteren Nervenwurzeln sind sensibel, 
ihre Reizung erzeugt Schmerz, ihre Durchschneidung macht die ihnen zu¬ 
geordneten Strecken der Haut unempfindlich; die vorderen Nervenwurzeln 
sind motorisch, ihre Reizung bewirkt Muskelcontraction, ihre Durchschnei- 
dung MuskeLlähmung. Die Fasern der hinteren Wurzeln leiten centripetal, 
nach ihrer Durchschneidung verursacht nur die Reizung des centralen 
Stumpfes Empfindung, nicht die des peripherischen; die Fasern der vor¬ 
deren Wurzeln leiten centrifugal, hier erzeugt Reizung des peripherischen 
Stumpfes Muskelzuckung, nicht die des centralen1). 
Aus dieser von Carl Bell zuerst ausgesprochenen und daher unter 
dem Namen des BELL’schen Satzes bekannten Thatsache geht hervor, 
dass an der Ursprungsstelle der Nerven die sensibeln und die motorischen 
Leitungsbahnen vollständig von einander gesondert sind. Für die Hirn- 
4) Eine Ausnahme bildet die von Magendie entdeckte, von Bernard und Schiff 
bestätigte Erscheinung, dass der peripherische Stumpf der vordem Wurzel eben¬ 
falls eine schwache Sensibilität zeigt, die aber verschwindet, sobald man die hintere 
Wurzel durchschneidet (Schiff, Lehrbuch der Physiologie, 1, S. 4 44). Wahrscheinlich 
beruht diese »rückläufige Sensibilität« darauf, dass die sensible Wurzel an die moto¬ 
rische oder an das die letztere bedeckende Neurilemm Fasern abgibt.
	        
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