Volltext: Adam Smith‘s Moralphilosophie (6)

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Johannes Schubert. 
stehenden Denker die gegnerische Ansicht als aus bloßen Missver¬ 
ständnissen hervorgegangen zu kennzeichnen suchen. 
Während Kant1) sich zu zeigen bemüht, dass die ganze Ge¬ 
fühlsmoral auf einer Täuschung des »inneren Sinnes« beruhe, welche 
dadurch hervorgerufen werde, dass die emotionale Begleiterscheinung 
der in Wahrheit durch Vernunft hervorgerufenen Willensbestim¬ 
mung fälschlich für die Ursache der WillensheStimmung angesehen 
werde, zeigt Hume (der einen dem kan tischen sehr ähnlichen, 
nur der eigenartigen erkenntnisstheoretischen Grundlage natürlich 
entbehrenden Standpunkt im Intuitionismus vor Augen hatte), dass 
die ganze Vernunftmoral sich nur auf eine Ungenauigkeit des 
sprachlichen Ausdrucks gründe, in Folge deren das Wort »Vernunft« 
zur Bezeichnung zweier ganz verschiedener Begriffe verwendet wird. 
Vernunft im eigentlichen Sinne ist nichts als das Vermögen, Schlüsse 
zu ziehen, sie ist ein völlig inactives Princip2), das niemals der 
Beweggrund irgend einer Willenshandlung sein oder mit einem 
Affect in Widerspruch stehen kann3); was von den Intuitionisten 
oder auch im gewöhnlichen Lehen als »Vernunft« in sittlichen 
Handlungen bezeichnet wird, das sind die ruhigen, wegen ihrer 
Stetigkeit von keiner merkbaren Empfindung begleiteten Triebe und 
Neigungen, welche mit den plötzlich auftauchenden heftigen Leiden¬ 
schaften des Moments um die Herrschaft streiten. Der ganze so¬ 
genannte Kampf zwischen Vernunft und Affect ist nichts als der 
Streit jener ruhigen Grundneigungen mit den heftigen momentanen 
Leidenschaften der Seele. 
Es handelt sich indessen bei Hume’s theoretischen Unter¬ 
suchungen weniger um den Grund unserer activen Handlungen, 
als um die Gründe, welche den passiven Zuschauer zur Billigung 
oder Missbilligung von Gesinnungen und Handlungen an treibe. 
f) Kritik d. prakt. Vernunft (v. Kirchmann) S. 140. 
2) Vgl. Treatise III 236. Vernunft könne nur insofern Ursache eines 
Aifects sein, als sie durch ihr Urtheil eine richtige oder falsche Vorstellung zu 
erwecken im Stande sei, die dann erst den Affect hervorrufe; aher die auf diese 
Weise entstehenden Irrthümer seien nie unmoralisch, sondern nur errores facti, 
die keine Strafe nach sich zögen. 
3) Treatise II 195, of the passions. »Es ist der Vernunft nicht zuwider, 
die Zerstörung der ganzen Welt lieber zu wollen, als sich in den Finger zu 
ritzen.«
	        
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