Bauhaus-Universität Weimar

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Reflex- und Willkürbewegungen. 
Selbstmorden, Verbrechen u. s. w. constant bleibt, ist also mit dem In¬ 
determinismus unvereinbar1). Es wäre freilich verkehrt, wenn man aus 
dieser Thatsache folgern wollte, jeder einzelne Mensch sei zu den Hand¬ 
lungen, die er begeht, durch ein Schicksal, dem er nicht entrinnen kann, 
gezwungen. Der Fatalismus, welcher dieser Anschauung huldigt, leug¬ 
net die Thatsache des Willens, während der Indeterminismus dessen psycho¬ 
logische Causalität negirt. Die erste Voraussetzung, die aber gemacht wer¬ 
den muss, wenn man überhaupt über die Gründe des Willens sich Rechen¬ 
schaft geben will, ist die Existenz desselben. Die Moralstalistik zeigt nun, 
dass in einem bestimmten Zustand einer grossem Gesellschaft von Menschen 
sow'ohl die äusseren Motive wie die innern Beslimmungsgründe des Charak¬ 
ters durchschnittlich in constanter Grösse fortwirken. Der einzelne Mensch 
ist darum ebenso wenig einem Zwang unterworfen, wie in einer Bevöl¬ 
kerung, deren durchschnittliches Lebensalter 30 Jahre beträgt, jeder 
Dreissigjährige zum Sterben genöthigt ist. Im einzelnen Fall können die 
innern Bestimmungsgründe des Handelns von dem äussern Zuschauer so¬ 
wohl wie von dem Handelnden selbst nie vollständig erfasst werden, denn sie 
verlieren sich in der Totalität der Gründe des Seins und Geschehens. 
Ebendarum ist der Mensch praktisch frei, und alle Folgerungen, die in 
praktischer Hinsicht aus der Willensfreiheit gezogen werden können, blei¬ 
ben bestehen. Jeder Einzelne ist verantwortlich für seine Handlungen. Der 
Staat ist berechtigt sich gegen das Verbrechen zu schützen und verpflichtet 
den Verbrecher wro möglich zu bessern. Die Moralstalistik, welche den In¬ 
determinismus widerlegt, unterstützt selbst durch ihre Resultate dieses 
praktische Streben der Gesellschaft nach ihrer eigenen Vervollkommnung. 
Denn sie zeigt, dass der öffentliche Rechlszusland auf die Zahl der unsitt¬ 
lichen Handlungen von Einfluss ist2). 
Für die psychologische Unterscheidung der Willkür- von den Reflex¬ 
bewegungen liegt nach allem diesem der entscheidende Punkt nicht darin, 
dass die letzteren aus einem ursächlichen Zusammenhänge folgen, dessen 
die ersteren entbehrten. Vielmehr erscheint nur die Art der Causalität 
hier und dort als eine verschiedene. Während der Reflex lediglich auf 
dem physiologischen Mechanismus beruht, geht der Wille aus innern, psy¬ 
chologischen Bestimmungsgründen hervor. Dabei bedient sich freilich 
dieser theils der nämlichen theils ähnlicher mechanischer Vorrichtungen, 
wie sie bei dem Reflexe wirksam werden. Anderseits bleibt bei dem letz¬ 
teren das Bewusstsein nicht nothwendig unbetheiligt. Wir können einen 
1) Vergl. Wappaeus, allgemeine Bevölkerungstatistik. Bd. 2. Leipzig 1861. S. 215 f. 
Adolph Wagner, die Gesetzmässigkeit der scheinbar willkürlichen menschlichen Hand¬ 
lungen vom Standpunkte der Statistik. Hamburg 1 864. 
2) Wappaeus a. a. O. S. 443 f.
        

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