Bauhaus-Universität Weimar

Psychologische Theorieen. 
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reine Gegensatz zum Grundion zu sein, ist vielmehr dem vollständigen Einklang 
am meisten verwandt. Warum die Octave als reine Hemmung und die Quinte 
als Mittleres zwischen Hemmung und Verschmelzung einander am nächsten 
stehen sollen, wird nirgends nachgewiesen. Es könnte nun allerdings trotz 
dieser misslungenen Versuche die Theorie im allgemeinen richtig sein. Aber 
wir müssen auch dies bestreiten. Wenn II mut a in überall den ästhetischen Ein¬ 
druck aut einem Zusammenwirken einfacher Formverhällnisse beruhend glaubt, 
so liegt darin das Verdienst einer Hinweisung auf gewisse, bis dahin zwar nicht 
übersehene, doch von den philosophischen Theorieen vernachlässigte objective 
Beslimmungsgründe des Aestheliselien, aber cs enthält diese Behauptung eine 
doppelte Ueberlrcibung. Die eine entspringt daraus, dass Heubart bei der 
Bildung seiner ästhetischen lieg rille offenbar von der Musik ausgieng, die, voll¬ 
vollkommen frei in der Behandlung ihres Materials, in der That auf den ein¬ 
fachen Verhältnissen der harmonischen Intervalle und des Uhythmus ihr ganzes 
Gebäude errichtet. Aber schon sie bietet in dem melodischen Gefüge des 
Kunstwerks ein Ganzes dar, das sich in jene einfachsten Beslandtheile nicht 
ohne Best auflösen lässt, und bei den Werken der bildenden Kunst treten die 
einfachen Formverhältnisse der Thcile gegen die Bedeutung des Ganzen noch 
mehr in den Hintergrund. Die erste Einseitigkeit II nun art’s besteht also darin, 
dass er ein rein äusserliches Verhältniss zum Bestimmungsgrund des ästhetischen 
Gefühls macht, indem er die unervviesene Behauptung aufstelll, dass das Ganze 
vollständig in einfache Formverhältnisse aufgelöst werden könne. Damit hängt 
der zweite Fehler nahe zusammen. Jene Formverhältnisse sollen durch die 
Verhältnisse der Verschmelzung und Hemmung der Eiuzelvorslellungen, die sie 
hervorbringen, unmittelbar das ästhetische Gefühl erzeugen. Davon dass Ge¬ 
fallen und Missfallen wesentlich von dem Gedankeninhalt abhängen, den wir in 
die Formen hineinlegen, oder den sie in uns anregen, wird ganz abgesehen, 
lleberdies ist Herbart auch hier den Beweis schuldig geblieben, dass Verhält¬ 
nisse der Vorstellungen ein Gefühl erzeugen können. An und für sich sind 
solche Verhältnisse ganz gleichgültig. Gefallen und Missfallen deuten aber, wie 
jedes Gefühl, auf eine Ueacfion des Bewusstseins gegen den Eindruck. Diese 
Beaclion ist nun bei allen Formen der ästhetischen Wirkung von dem Inhalt 
an Vorstellungen abhängig, welcher dem Bewusstsein verfügbar ist. Nicht so¬ 
wohl das Verhältniss der gegebenen Vorstellungen selbst, als vielmehr ihr Vor- 
hältniss zu dem Vorstellungsinhalt unseres Bewusstseins bestimmt also das ästhe¬ 
tische Gefühl, ln einer Beziehung findet sich übrigens bei Herbart eine 
richtige Einsicht, in der Rückbeziehung sittlicher auf ästhetische Werlhbeslim- 
mungen. Hinsichtlich der psychologischen Entstehung der Gefühle wenigstens 
hat es damit in der Thal seine Richtigkeit. Die sittliche Regung, die religiöse 
Erhebung des Gemüths und endlich die intellectuelle Befriedigung beruhen alle 
auf Gefühlen gleicher Art. Im Gebiet der eigentlichen Acslhclik darf man wohl 
eine Ausgleichung der oben berührten Gegensätze hollen, seitdem neuere Ver¬ 
fechten' der realistischen Richtung, wie namentlich Lotze1), die Grundgedanken 
•1er idealistischen Acslhclik anerkannt haben, während von der andern Seile die 
llauplvertreler der letztem, wie F. Tu. Vrsciriïit2), der Aufsuchung der objee- 
') Geschichte der Acslhclik in Deutschland. München 1808. S 232, 323 u a 
-) Kritische Gänge. !>. lieft. S. 14 0. 
Wundt , (îruud/üge. a r*
        

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