Bauhaus-Universität Weimar

Psychologische Theorieen. 
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wenig mehr als jene gemeinere psychologische Form des ästhetischen Ge¬ 
fühls zurücklässt, die an jede Aufnahme der Vorstellungen gebunden ist, 
höchstens insofern der letzteren überlegen, als schon das Gleichmaass der 
Theile einer Vorstellung in uns Gedanken anklingen lässt, denen ein ethi¬ 
scher Werth zukommen kann. Theils durch diese Gedanken theils durch 
die erleichterte Zusammenfassung wird das Regelmässige, das symmetrisch 
Gegliederte zu einem so wirkungsvollen Gewände für die höheren Formen 
des Aesthetischen. 
Seiner psychologischen Natur nach lässt sich hiernach das ästhetische 
Gefühl allgemein als die unserm Bewusstsein eigentümliche Reaction auf 
die in dasselbe eintretenden Vorstellungen bestimmen. Die besondere Fär¬ 
bung des Gefallens und Missfallens ist aber ganz und gar von dem Inhalt 
der durch die Vorstellung erweckten Gedanken abhängig, und nach dem 
Werth der letzteren ermessen wir auch die des Gefühls. So tritt uns im 
Gebiet der ästhetischen Gefühle zum ersten Mal die Thatsache einer Werth¬ 
schätzung entgegen, die bei den sinnlichen Gefühlen noch ganz und gar 
fehlte. Trotzdem stimmen beide Formen ihrer allgemeinen Natur nach 
überein. Wie das sinnliche Gefühl die Reaction des Bewusstseins auf die 
Empfindung, so ist das ästhetische Gefühl seine Rückwirkung auf die Vor¬ 
stellung. Da nun in die Vorstellung Empfindungen als ihre Bestandtheile 
eingehen, so ist die überall nachweisbare Verbindung ästhetischer mit sinn¬ 
lichen Gefühlen begreiflich. Anderseits bleibt aber auch die Vorstellung 
nicht ruhend im Bewusstsein, sondern sie wird aufgenommen in den Ver¬ 
lauf innerer Vorgänge, auf w’elchen das Gefühl unmittelbar einwirkt und 
so, wie wir bald sehen werden, den Affect hervorbringt. Wie daher das 
ästhetische von sinnlichen Gefühlen getragen wird, so leitet es selbst un¬ 
vermerkt in den Affect Uber. 
Die psychologische Untersuchung der ästhetischen Gefühle hat bis jetzt 
noch immer unter dem Umstande zu leiden gehabt, dass die Anregung zu der¬ 
selben ganz und gar von jenem Aesthetischen im engeren Sinne ausgieng, mit 
welchem sich die Theorie der schönen Künste und die aus ihr unter dem Namen 
der Aesthetik hervorgegangene Wissenschaft beschäftigt. So ist es gekommen, 
dass man jene einfachsten Fälle des Gefallens und Missfallens ganz aus dem 
Auge verlor, welche doch für die psychologische Theorie die Grundlage sind, 
von der aus auch die complicirteren ästhetischen Wirkungen erklärt werden 
müssen. Eine weitere erschwerende Bedingung lag darin, dass die erste Be¬ 
gründung der Aesthetik von dem logischen Formalismus der WoLPF’schen Schule 
beherrscht war. Statt direct nach den Motiven des ästhetischen Gefühls zu 
suchen, behandelte man ohne weiteres die ästhetische Auffassung als eine Form 
des Erkennens und suchte nun nach dem Begriff, aus dessen Verwirklichung 
das ästhetische Gefühl hervorgehen sollte. Kant, der diese Auffassung be¬ 
seitigte, ist doch selbst noch von ihr beeinflusst, indem er das Aesthetische der
        

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