Bauhaus-Universität Weimar

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Aesthetische Gefühle. 
Träger einer Idee sein müsse. Ganz ohne Idee ist seihst die einfache 
Schönheit des Taktes oder des geometrisch Regelmässigen nicht. Denn es 
verbindet sich damit der Gedanke eines harmonischen Gleichmaasses, der 
in den höheren Gestaltungen der Schönheit nur in entwickelteren Formen 
wiederkehrt. Da nun aber die Gedanken, welche der einzelne ästhetische 
Gegenstand in uns w?achruft, nicht nur von ihm sondern auch von der 
augenblicklichen wie von der dauernden Disposition unseres Bewusstseins 
abhängen, so begreift sich einerseits die Unbestimmtheit der ästhetischen 
Ideen, anderseits ihre Abhängigkeit von dem anschauenden Subject. Der¬ 
selbe Gegenstand kann in verschiedenen Menschen mannigfach wechselnde 
Gedanken wachrufen, und der ästhetisch gebildete Geist sogar kann bald 
diese bald jene Idee mit einem gegebenen Objecte verbinden, da die An¬ 
schauung unsern Gedanken nur ihre allgemeine Richtung anweist, die be¬ 
sondere Gestaltung derselben aber vollkommen frei lässt. So sehen wir 
die ästhetischen Gefühle überall aus der unmittelbaren Wirkung der Einzel¬ 
vorstellungen auf das Bewusstsein hervorgehen. Diese Wirkung äussert 
sich aber in der Einordnung des Einzelnen in den vorhandenen Vorrath 
allgemeiner Vorstellungen. Das nächste Motiv des Gefallens liegt immer in 
der Leichtigkeit, mit welcher der Gegenstand unserer Wahrnehmung den 
bereit liegenden Formen der Zeit- und Raumanschauung sich einfügt; daher 
das gleichförmige Zeitmaass des Rhythmus, die leicht überschaubaren Ver¬ 
hältnisse der symmetrischen und proportionalen Gliederung des Räumlichen 
die einfachsten Bedingungen des Gefallens enthalten. Nicht minder wird 
man in der Befriedigung, welche wir bei der Lösung einer Aufgabe oder 
bei dem einfachen Verstehen eines gehörten Satzes empfinden, ein ästhe¬ 
tisches Gefühl anerkennen müssen ; ja die elementarste Form desselben be¬ 
gegnet uns ohne Zweifel schon bei dem Wiedererkennen eines einmal wahr¬ 
genommenen Gegenstandes, bei der einfachen Erinnerung an ein gehörtes 
Wort u. dergl. In allen diesen Fällen liegt aber die Ursache des Gefühls 
in der Einordnung der Vorstellungen in den Vorrath der unserm Bewusst¬ 
sein verfügbaren Formen. Beim Aesthetischen im engeren Sinne begegnen 
uns die nämlichen Vorgänge; nur der Werth der durch den Eindruck 
wachgerufenen Gedanken ist ein anderer. Denn die Wirksamkeit der 
höheren ästhetischen Vorstellungen beruht überall auf der Erweckung sitt¬ 
licher und religiöser Begriffe. Indem wir uns dieser als unseres besten 
Besitzthums bewusst sind, legen wir dem angeschauten Gegenstand in dem 
Maasse höheren Werth bei, als das Gefühl, das er erweckt, jene höchsten 
Begriffe aus dem Dunkel der Seele emporzieht , und als er dadurch auf 
uns selbst veredelnd zurückwirkt. Die äusseren Maassverhältnisse, in denen 
sich der im höheren Sinne ästhetische Gegenstand darbietet, sind nur das 
äussere Gewand, das. wo es seines bedeutsamen Inhalts beraubt wird,
        

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