Bauhaus-Universität Weimar

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Einbildungsvorstellungen. 
mit sich, welche Hallucinationen begünstigen 1). Diese stellen sich zuweilen 
schon einige Zeit vor dem Einschlafen ein, oder sie dauern noch kurze 
Zeit an, nachdem man aus tiefem Schlafe erwacht ist. Die meisten Hallu¬ 
cinationen Gesunder gehören diesem Zwischenzustande an2). Die Hallu¬ 
cination 3n können in den verschiedenen Sinnesgebieten Vorkommen. Am 
häufigsten sind solche des Gesichtssinnes, sogenannte Visionen3); ihnen 
zunächst beobachtet man Phantasmen des Gehörs, viel seltener des Tast¬ 
sinns, des Geruchs und Geschmacks. Auch finden sich diese letzteren in 
der Regel nur in Begleitung von Phantasmen der höheren Sinne bei aus- 
gebreiteteren Erkrankungen der Hirnrinde. Dagegen sind Hallucinationen des 
Gesichts und Gehörs nicht selten isolirt zu beobachten. Aeussere Ursachen, 
aus denen vorzugsweise ein bestimmtes Sinnesgebiet heimgesucht wird, 
lassen sich meistens nicht nachweisen. Doch ist bemerkenswerth, dass 
lange dauernde Einzelhaft zu Gehörshallucinalionen, Aufenthalt im Finstern 
zu Visionen disponirt, offenbar weil der Mangel der betreffenden Sinnes¬ 
reize die Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen steigert, gerade so wie 
dies beim Auge in Bezug auf das peripherische Sinnesorgan nachzuweisen 
ist4). Anderseits scheint aber auch die überhäufte Reizung der Sinne 
denselben Erfolg zu haben, da z. R. bei Malern vorzugsweise Phantasmen 
des Gesichts, bei Musikern solche des Gehörs beobachtet sind. Fortgesetzte' 
Beschäftigung mit einem und demselben Gegenstand kann sogar ein specielles 
Erinnerungsbild zur Lebhaftigkeit des Phantasma steigern5). Aus diesen» 
Umstande dürfte sich auch die Thatsache erklären, dass durchschnittlich 
die Gesichtsphantasmen am häufigsten Vorkommen, indem das Gesicht jener 
Reizbarkeitssteigerung durch Ueberreizung am meisten ausgesetzt ist. 
Schwächere Visionen werden, gleich den Erinnerungsbildern, bei geschlosse- 
1) Vcrgl. S. 188. 
2) Mir selbsl, obgleich zu Hallucinationen sonst nicht disponirt. ist es doch zu¬ 
weilen gelungen, solche hervorzurufen, wenn ich, nach längerem nächtlichen Arbeiten 
eingeschlafen, aus einem lebhaften Traume erwachte, mich plötzlich aufrichtete und 
die Augen ölfnete. Ich sah dann das Gesichtsfeld entweder nur unbestimmt erhellt 
oder von bestimmten Bildern erfüllt. Einigemal glaubte ich, der Tag sei angebrochen; 
erst das rasche Verschwinden des Phänomens, das in der Kegel nur einige Secunden 
bestehen bleibt, überzeugte mich von der Existenz einer Hallucination. 
3) Lazarus (Zeitschr. f. Völkerpsychologie V S. 428) schlägt vor, den Ausdruck 
Vision für jene Phantasmen vorzubehalten, die nicht in physiologischer Heizung, son¬ 
dern in dem psychischen Mechanismus, also, wie wir es oben ausdrückten, in psy¬ 
chischer Heizung, ihren Ausgangspunkt haben. Wir werden aber bald sehen, dass 
diese beiden Formen der Hallucination in ihrem Wesen eigentlich nicht verschieden 
sind, wie sie denn auch thatsächlich fortwährend in einander übergehen. Ich behalte 
daher den Ausdruck Vision hier in der ursprünglichen Wortbedeutung bei. 
4) Seite 289. 
5) So beobachteten Henle und H. Meyer, dass ihnen mikroskopische Objecte, die 
sie während des Tages untersucht hatten, mit voller Lebendigkeit im dunkeln Gesichts¬ 
felde auftauehlen. H. Meyer, Untersuchungen über die Physiologie der Nervenfaser. 
Tübingen '843. S. 56 f. Aehniiche Beobachtungen bei Fechser, Psychophysik II, 
S. 4 99" f.
        

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